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Loge Pyramidion, Nr. 135

Unter dem Zenit des Nordens (Norddeutschland)


Ein Pyramidion ist die obere Spitze einer ägyptischen Pyramide, ihr Schlussstein. Unsere Loge trägt diesen Namen.

Pyramidion der Pyramide von Amenemhat III.
(Pyramidion der Pyramide von Amenemhat III., Ägyptisches Museum Kairo; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Die Loge Pyramidion setzt sich aus aktiven und erfahrenen Freimaurerinnen und Freimaurern aus unterschiedlichen Großlogen zusammen. Was uns eint, ist die Suche nach tiefen Ritualerlebnissen und Perspektiven zusätzlich zu den weiterführenden Graden, die wir sonst noch zelebrieren. Dies verbinden wir mit der Pflege der Tradition der ägyptischen Freimaurerriten, die vornehmlich im 19. Jahrhundert im Lichte von Zauberflöte und Napoleons Ägyptenexpedition entstanden sind.

Inhalt

1. Arbeiten im Memphis-Misraim-Ritus
2. Bijou unserer Loge
3. Annahme & Mitgliedschaft
4. Konstitution & Besuche
5. Unsere Grade
6. Geschichte Ägyptischer Systeme
7. Unsere Überzeugung




Arbeiten im Memphis-Misraim-Ritus

Bei unseren Treffen zelebrieren wir die Grade des Memphis-Misraim-Ritus. Es finden jährlich drei Arbeiten in Norddeutschland statt und mehrere Online-Gesprächsrunden. Die Gründer der Loge wurden in Frankreich, in den USA und in England in die höchsten Grade des Ritus initiiert, deren Traditionslinien sich bis Br. Giuseppe Garibaldi zurückverfolgen lassen.

In Deutschland brach die Memphis-Misraim-Tradition einst vornehmlich mit dem Tod von Br. Theodor Reuss (1923) ab. Es folgten noch kurze Phasen der weiteren Kommerzialisierung und Entfremdung von der ursprünglichen Ritualtradition (die hohen, weiterführenden Grade scheinen ohnehin nie wirklich in Deutschland bearbeitet worden zu sein). Diesen Phänomenen möchten wir entschieden entgegentreten und bringen die eigentliche Tradition erstmals in unsere Heimat.

Giuseppe Garibaldi, 1875
(Foto mit Signatur von Br. Giuseppe Garibaldi, 1875, Sammlung Br. Robert Matthees.)

Trotz der hohen Gradanzahl (34°-95°) begründet sich darauf keinerlei Vorrecht. Es gibt kein Höher und kein Weiter. Denn freimaurerische Erkenntnisstufen, richtig verstanden, sind immer nur Perspektiven. Und wir selbst stehen in diesem wunderbaren Psychodrama stets im Mittelpunkt.

Durch gemeinschaftliche Erfahrungen fördern wir persönliche Erkenntnis, Harmonie im Herzen und das Hineinwachsen ins Weltganze.

Hinweis: Unsere Arbeiten stehen natürlich Brüdern und Schwestern offen, die in neueren 33°-Systemen der Ägyptischen Riten arbeiten, auch wenn wir die traditionelle Skala nutzen (im demokratischen Ansatz, ohne Hierophanie auf Lebenszeit). Es gilt die Entsprechung der Grade.




Bijou unserer Loge

Bijou der Loge Pyramidion liegt auf Tisch

Das Bijou der Loge Pyramidion zeigt Winkelmaß und Zikel mit dem Symbol des allsehenden Auges über einer Pyramide. Denn das menschliche Auge sieht alles, außer sich selbst. Hierbei handelt es sich somit um ein Symbol der Ganzheit menschlicher Erkenntnis, auch der Erkenntnis ewiger Prinzipien. Für viele ist das allsehende Auge ebenso ein Symbol des Göttlichen.

Zu sehen ist außerdem (von links nach rechts) die Akazie für den Meistergrad (mit neun Blättern).

Das Rosenkreuz steht für den Chevalier Rose Croix (18° AASR).

Die drei Totenkopfe verkörpern ein wesentliches Element aus dem Kadosch-Grad (30° AASR). Einer von ihnen zeigt weniger Details, aufgrund der besonderen Umstände seines Endes.

Bei der Feder handelt es sich um die Feder der Maat, der altägyptischen Göttin für kosmische Harmonie, Wahrheit, Recht und Solidarität (Ordnung). Gegen diese Feder wird das menschliche Herz nach dem Tod gewogen, so die Vorstellung des ägyptischen Totengerichts.

Schließlich folgt das Lebens-Symbol Ankh, oft interpretiert als aufgehende Sonne (Feuer) über dem Horizont (Luft-Erde), darunter der lebensspendende Nil (Wasser). Somit handelt es sich außerdem um eine Verbindung aller Elemente.

Kurz: Dargestellt auf dem Bijou unserer Loge sind zentrale Etappen aus der Vielfalt des freimaurerischen Weges im Memphis-Misraim-Ritus.




Annahme & Mitgliedschaft

Voraussetzung zur Annahme in unserer Loge ist die bereits erfolgte Initiation in einem weiterführenden Gradsystem der Freimaurerei (besonders ab AASR 32°/33° bzw. Äquivalent aus anderem System). Ein vollständig gedecktes Arbeiten, bspw. unter Ordensnamen/Pseudonym in der Mitgliederliste, ist selbstverständlich möglich.

Bei Interesse kannst Du uns gerne schreiben und deine Motivation begründen, um auf die Warteliste zu kommen:

In unserer Loge finden keine Neuaufnahmen in die Freimaurerei statt.




Konstitution & Besuche

Wir arbeiten unter der Konstitution der G.L.M.M.M. International, einer Ausgründung aus der U.G.L.o.E. und den beiden britischen Frauen-Großlogen. Zu unserer Großloge gehören 135 Logen mit circa 2.600 Freimaurerinnen und Freimaurern weltweit. Viele unserer Logen arbeiten nach dem englischen Standardritual (Emulation), aber ebenso einige mit den Craft-Ritualen des Schottischen Ritus, mit dem Lauderdale-Ritual oder auch – wie wir – im Memphis-Misraim-Ritus.

Es bestehen circa 50 Besuchsabkommen zu Großlogen und Obersten Räten weltweit. Die G.L.M.M.M. International ist außerdem Mitglied der International Masonic Union CATENA, der International Federation of Grand Lodges and Grand Orients und der International Confederation of Supreme Councils of the 33rd Degree of the Ancient and Accepted Scottish Rite.

Sollte (noch) kein Besuchsabkommen bestehen: Wir lassen keinen Bruder, keine Schwester im Regen stehen, sofern ihr euch mit Zeichen, Wort und Griff des entsprechenden Grades ausweisen könnt und guten Herzens seid. 🌿🌹🕯️




Unsere Grade

Die Grade des Memphis-Misraim-Ritus bieten Perspektiven auf das mythologische und philosophische Kulturgut der Menschheit. Viele dieser Grade existierten lange nur theoretisch, d.h. auf dem Papier. In unserer Loge wird ein Großteil dieser Grade erstmals in realis in Deutschland bearbeitet. Dabei bauen wir auf den Graden der Johannislogen (1°-3°) und den Graden des Schottischen Ritus (4°-32°/33°) auf, beschreiten von hier indes einen Weg mit anderer Konnotation, hin zu Einheit, hin zu Frieden, hin zu Reintegration ins Weltganze.

Pyramidenfest (1°)

Im Alten Ägypten wurde die Zeit nicht einfach linear verstanden, sondern hatte eine zyklische, regenerative Qualität. Jeder Tag, besonders jedes Fest, war ein rituelles Wieder-In-Gang-Setzen der Ordnung in der Welt. Das Jahr begann mit dem Einsetzen der Nilflut, die das Land wieder fruchtbar machte und das Leben zurückbrachte. Rituelles Geschehen holte dabei die Ursprungszeit, (altägypt.) zep tepi – die erste Zeit, den Anfang aller Dinge – wieder in die Gegenwart zurück und heilte, heiligte diese.

Das Pyramidenfest ist unser Stiftungsfest, basierend auf dem Memphis-Misraim-Ritual zur Lichteinbringung, das wir zum altägyptischen Jahresanfang feiern. Wir feiern hier im Lichte der soeben skizzierten Symbolik, indem wir eine Linie von der Memphis-Theologie (der erste Mythos einer Schöpfung durch das Wort / den Logos) bis zur griechisch-mystischen Tradition des Johannes-Evangeliums ziehen.

Weiser / Weise der Wahrheit (37°)

  • Thema: Suche nach Gleichgewicht
  • Inhalt: symbolisch-alchemistisch und voll antiker Philosophie
  • Ziel: Die Einheit von Körper und Geist und anderer Polaritäten begreifen

Ritter / Ritterin vom Roten Adler (38°)

  • Thema: Die Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und der Kampf gegen Verfall und Ungerechtigkeit; der rote Adler steht für königliche Würde, Erhebung und Sieg über Unrecht
  • Inhalt: Vergleich der Verwandtschaft alter Mysterienkulte
  • Betonung der Pflicht zur Aufopferung für die Prinzipien der Freiheit und Humanität

Hermetischer Philosoph / Philosophin (43°)

In diesem Grad wird der Aspirant / die Aspirantin ermutigt, die zwölf symbolischen Häuser der Sonne zu durchschreiten. Die Säulen werden als Sinnbilder von Leben und Tod begriffen, in deren Mitte wir unser Schicksal mit Stärke, Mut und Würde erfüllen müssen.

Weiser / Weise des Phönix (54°)

Das Thema der Regeneration wird rituell und poetisch in Szene gesetzt.

Weiser / Weise von Mithras (64°)

Dieser Grad befasst sich mit dem Mithraskult und dessen Symbolwelt.

Großkonsekrator/-in oder Großarchitekt/-in (66°)

Dieser Grad beinhaltet eine tiefe, geistige Weihe. Nur wenige Personen wurden und werden in diesen Grad initiiert, viele überspringen ihn einfach. Brüder und Schwestern in diesem Grad sind bspw. für die Einweihung neuer Logen notwendig und haben eine Sonderstellung innerhalb des Ritus.

Übersetzer/-in der Hieroglypen oder Patriarch / Matriarchin der Isis (76°)

Hierbei handelt es sich um einen Grad voll ägyptischer Symbolik mit Bezug zum Mysterienkult von Isis und Osiris.

Arcana Arcanorum (87°–90°)

Diese vier Grade bilden die so genannte Leiter von Neapel. Sie bilden den initiatischen Höhepunkt und Kern des Ritus — der Abschluss unseres Lehrsystems.

  • 87°: Kosmische Schöpfung, vom Urzustand in die Vielfalt, vom Chaos zur Ordnung, Entfaltung des Makrokosmos (sehr neuplatonistisch, auch kabbalistisch)
  • 88°: Sehnsucht zur Einheit, tiefe Meditation im eigenen Mikrokosmos
  • 89°: die ganze Natur wird als lebendig, beschützend und als Einheit verstanden
  • 90°: Zwillingskräfte Isis und Osiris, Vereinigung von Mikrokosmos und Makrokosmos, der Freimaurer / die Freimaurerin begreift sich als lebendiger Tempel

95° Groß Konservator/-in

Der Konservator / die Konservatorin soll das Licht und die Tradition der Mysterien für die kommenden Generationen sichern. Es findet eine feierliche Vereidigung im Gedenken an die Märtyrer des Denkens und der Freiheit statt, ganz im Sinne des Credos unseres Ritus: Friede den Menschen! Friede allen Wesen! Und: Einweihung ist kein Vorrecht, sondern Vermächtnis.




Geschichte Ägyptischer Systeme

Autor: Br. Robert Matthees, 33° – 90° – 95° (Version: 13.12.2025)

Empfehlung: Der nachfolgende Text ist für Freimaurerinnen und Freimaurer – besonders ab dem 3. Grad – geeignet, natürlich auch für Forschende aus der Wissenschaft. Brüder und Schwestern, die noch nicht den Meistergrad erreicht haben, finden darin evtl. kurze strukturelle Details zur Erhebung, die ihnen zwar nicht das ganze Erlebnis vorwegnehmen, jedoch Erwartungshaltungen entstehen lassen würden. Das Gleiche gilt für Suchende bezüglich struktureller Details bei Teilen der Aufnahmehandlung.


Das Mysterienbild Ägyptens wird in Europa lange durch das Verständnis von griechischen Sekundärquellen gesprägt, da die Hieroglyphen erst spät entschlüsselt werden (1822). Ab dann erfolgt nach und nach die Übersetzung und Erschließung wichtiger Primärquellen. Zu dieser Zeit existierten die meisten Ägyptischen Riten der Freimaurerei bereits. Die folgende Zusammenstellung wesentlicher Schlüsselmomente beleuchtet die Entstehung derselben und skizziert das Gedenkengut, das in ihnen zum Tragen kommt. Übersetzungen fremdsprachiger Textausschnitte sind – wenn nicht anders gekennzeichnet – vom Autor selbst erstellt.


Frühe Quellen (Antike)

Platon als Wegweiser (428/427–348/347 v. u. Z.)

Platons Einfluss auf die Denkart der kommenden Jahrhunderte – selbst auf die heutige Zeit – kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Platon nutzt in seinen Werken Mythen, um Dinge auszudrücken, die mit reiner Logik schwer erklärbar sind. Dies betrifft die Seele, den Kosmos oder das Jenseits. In seiner Ideenlehre beschreibt Platon bspw., wie aus dem ewigen göttlichen Weltgeist die Vielfalt der materiellen Welt hervorgeht.

Der Weltgeist / Nous (νοῦς) ist dabei der Bereich der ewigen Ideen. Diese ewigen Ideen sind für Platon die unveränderlichen Urformen aller Dinge. Einem Kreis in der materiellen Welt liegt die ewige Idee des perfekten Kreises zugrunde. Gleiches gilt für die empfundene Schönheit oder die Idee des Guten; ebenso für die Idee des Menschen, die in ihrer Ewigkeit alle individuellen Unterschiede und Unvollkommenheiten transzendiert, sie übersteigt.

Daneben gibt es die Weltseele / Psyche (ψυχή). Diese betrachtet die ewigen Ideen, so Platon. Aus diesem Prozess fließt schließlich die materielle Welt (ὁ κόσμος γενέσεως) hervor, im Prozess der Selbstauslegung/Emanation.

Die Materie der vergänglichen, sinnlichen Welt kann die ewigen Ideen indes nur unvollkommen widerspiegeln. Die Dinge der Erfahrungswelt sind für Platon daher nur unvollkommene Abbilder der vollkommenen Urformen – wie die Schatten, die das Licht an die Wände einer Höhle wirft.

Wirkliche Erkenntnis / Gnosis (γνῶσις) entsteht schließlich, so Platon, wenn die Seele sich von den Erscheinungen der materiellen Welt löst und die reinen Ideen im Nous – im Geist – erfasst. Denn unsere Seele habe die ewigen Ideen bereits vor der Geburt geschaut, glaubte Platon. Das Erkennen in der materiellen Welt stelle vielmehr nur ein Wiedererinnern dar.

Das Wahre und Eigentliche liegt für Platon also hinter der sinnlich wahrnehmbaren Welt. So erschafft Platon die Welt des Ideellen (die Welt des Seins / ὁ κόσμος οὐσίας) – die später genutzt wird, um eine tiefe Einheit hinter der sichtbaren Welt zu postulieren. Spätestens seit dem Neuplatonismus strebt schließlich alles danach, zu dieser ursprünglichen Einheit zurückzukehren (bspw. Plotin und Pseudo-Dionysius).

Platon ist obendrein der erste Philosoph, der den Begriff des Baumeisters für das Göttliche verwendet (vgl. Platon: Timaios, 28c/29a).

Plutarch: De Iside et Osiride (ca. 1. Jh. / frühes 2. Jh.)

Plutarch steht ganz in der Tradition Platons und betrachtet Mythen als verschlüsselte Metaphern für philosophische Wahrheiten. In seinem Werk Isis und Osiris liefert er eine griechisch-philosophische Deutung ägyptischer Götter und Rituale. Diese Schrift wird später zur zentralen Quelle für das europäische Ägyptenbild, nahezu bis zur Entschlüsselung der Primärquellen im 19. Jahrhundert.

Ruinen des Apollontempels in Delphi, wo Plutarch als Priester wirkte
(Ruinen des Apollontempels in Delphi, wo Plutarch ab dem Jahr 95 als Priester wirkte, nachdem er zuvor selbst Ägypten bereist hat; Foto: Robert Matthees, 2025.)

In altägyptischen Mythen herrschen Isis und Osiris als göttliches Königspaar. Diese Zeit wirkt förmlich als paradisischer Urzustand, in dem Menschen und Götter gemeinsam leben. Osiris bringt Ackerbau, Gesetze, Kultur; Isis bewirkt Schutz, Heilung und Weisheit.

Dieser Zustand endet jedoch. Denn Seth, der rivalisierende Bruder, tötet Osiris, zerstückelt den Körper und verteilt ihn über Ägypten.

Isis, die trauernde Witwe, sucht und sammelt die Teile und setzt Osiris wieder zusammen. Anubis führt an ihm zum allerersten Mal das Einbalsamierungs-Ritual durch. So wird Osiris zur ersten Mumie.

Isis belebt ihn magisch. Der Atem kehrt zurück, das Bewusstsein erwacht, seine Zeugungskraft flammt noch ein einziges Mal auf. Hierdurch kann Isis ihren Sohn Horus empfangen, der Sohn der Witwe.

Osiris indes wird fortan König und Richter in der Unterwelt, im Jenseits, im Reich der Göttinnen und Götter, dort, wohin die Sonne jede Nacht wandert. Im Amduat (ca. 1550-1070 v. u. Z.) wird diese Reise der Sonne (Re) detailliert beschrieben. Zur 6. Stunde, also zur Mitternacht, findet die kosmische Regeneration statt, indem sich der Sonnengott Re mit Osiris verbindet. Osiris wird so zum Inbegriff von ewigem Leben und Wiedergeburt – im Reich der Mitternachtssonne.

In der Welt besiegt sein Sohn Horus den Widersacher Seth und stellt die göttliche Ordnung (Maat) wieder her.

Viele Menschen, die zum ersten Mal von Isis und Horus hören und entsprechende Darstellungen sehen, bemerken die Ähnlichkeit zur christlichen Erzählung über Maria und Jesus. Die Motive sind sich tatsächlich sehr ähnlich (Rolle der Mutterschaft, Heranwachsen des Retters), wenn auch nicht identisch – besonders in Hinblick auf die mythologischen Individualisierungs-Erfahrungen an der Bruchstelle zwischen spätem Judentum und frühem Christentum, die es so sicher noch nicht in Ägypten gab. Ebenso verschieden ist das Zeit- und Weltverständnis im alten Ägypten: Überall wirkten hier noch innewohnende Götter in einem zyklischen, kosmischen Geschehen.

So ist Seth in der altägyptischen Mythologie bspw. keineswegs per se das Schlechte oder Böse. Seth stellt vielmehr ein notwendiges kosmisches Prinzip dar: das Unkontrollierbare – wichtig und essentiell für die Balance mit Maat (der Ordnung). Der ganze Mythos beschreibt einen fortwährenden Akt in ebendiesem zyklischen Geschehen, kein einmaliges Ereignis, vielmehr ein immerwährendes Drama.

Isis mit dem Baby Horus und Maria mit Baby Jesus
(Links Isis mit dem Baby Horus, Ägyptisches Museum Kairo, ca. 664–332 v. u. Z.; rechts Maria mit Baby Jesus, koptisches Gemälde, 6./7. Jahrhundert, einst im Kloster St. Jeremiah tief in der Wüste von Saqqara, Koptisches Museum Kairo; Fotos: Robert Matthees, 2025.)

Über mehr als tausend Jahre hinweg ist jedoch die Pose dieselbe geblieben – Zärtlichkeit, Schutz und die schöne, ewige Kraft einer Mutter und ihres Kindes. Oder wie es Joseph Campbell formuliert: Nur die Geburt kann den Tod besiegen. (Campbell, 2008, S. 11.) So manche frühe Freimaurersysteme und Brüder wie Schikaneder und Mozart lassen sich von der Nähe der Motive durchaus inspirieren.

Auch Plutarch wird kreativ und verbindet den Isis-Osiris-Mythos mit Platons Ideenlehre.

Osiris ist für Plutarch das göttliche Logos-Prinzip (λόγος), das die ewigen Ideen (εἴδη) erkennt, durchdringt und ordnet. Es handelt sich dabei um den platonischen Nous (νοῦς), den Weltgeist.

Isis stellt in Plutarchs Betrachtung die Weltseele dar, die platonische Psyche (ψυχή). Sie ist es, die das Gute (Nous) empfängt und es in die Welt trägt, vermittelnd zwischen göttlicher Vernunft und materieller Welt (vgl. Platons Timaios, wo die Weltseele als kosmisches Bindeglied beschrieben wird).

Seth (griechisch Typhon) ist bei Plutarch schließlich das Prinzip der Chaos-Materie, der Zersetzung, der materiellen Welt. Dies ist die Welt des Werdens (ὁ κόσμος γενέσεως) im Gegensatz zur Welt des Seins (ὁ κόσμος οὐσίας).

Horus erscheint Plutarch als das ideale philosophische Urteil, da er das Unrecht bekämpft und die Wahrheit erkennt. Er bezeichnet ihn als Sohn der Wahrheit (παῖς ἀληθείας), weil er aus der Verbindung der göttlichen Vernunft (Osiris) und der Weltseele (Isis) hervorgeht. Für Plutarch sybmolisiert Horus das Walten des Logos in der Welt, das wir als eine Art operative Vernunft begreifen können — aktiv, kämpferisch und ordnend.

Den Mythos selbst versteht Plutarch als Selbstveredelungsweg. Ziel dieses Weges ist es, Erkenntnis zu erlangen, indem wir das Zerteilte (die materielle Welt / den von Seth zerstückelten Osiris) wieder zur Einheit bringen, eine Reintegration in das Göttliche, in den Nous, vollziehen.

Selbst den Namen des Isis-Heiligtums erklärt Plutarch aus seiner Vorstellung der Erkenntnis / Gnosis (γνῶσις) heraus:

Der Name des Heiligtums verspricht Erkenntnis und Wissen des Seins. Es wird nämlich deswegen Iseion genannt, um anzuzeigen, dass wir das Sein wissen werden, wenn wir in vernünftiger und heiliger Verfassung das Heiligtum der Göttin betreten. (Plutarch: De Iside et Osiride 2, 352 A.)

Eine historisch belastbare Deutung ist dies natürlich nicht, vielmehr eine wunderschöne philosophisch-mittelplatonische Sicht.

Die antiken Kulturen im Mittelmeerraum sind stark von Ägypten beeinflusst, besonders Griechenland. Das Gleiche gilt für Ägypten selbst, das während der hellenistischen Periode (332-30 v. u. Z.) natürlich auch griechisch inspiriert wird. Hierbei entstehen viele spannende Mischformen.

Zu nennen ist bspw. der Gott Serapsis, der unter Ptolemäus I. (ca. 305–283 v. u. Z.) synkretisch geschaffen und zum neuen Reichsgott in Alexandria erhoben wird. Die Mischgottheit vereint Wesenszüge von Osiris und den in Memphis verehrten Apis-Stier, Symbol der Fruchtbarkeit und Inkarnation des Schöpfergottes Ptah (der Name Serapis ist die griechische Form von Osiris-Apis). Gleichzeitig fließen Zeus als bärtiger Gottvater ein, Hades/Pluton als Gott der Unterwelt (wie Osiris) und Dionysos (bezüglich der Fruchtbarkeit). Dies hilft, griechische und ägyptische Bevölkerungsteile zu vereinen.

Mischgottheit Serapsis, Ägyptisches Museum Kairo
(Mischgottheit Serapsis, Ägyptisches Museum Kairo; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Ebenso lässt sich der Isis-Kult im gesamten Mittelmeerraum nachweisen. Selbst in Mainz und Köln werden ihr Tempel geweiht. Dass Isis dabei keineswegs einfach in ihrer ägyptischen Form übernommen wird, davon zeugt bspw. das Sanktuarium der Ägyptischen Götter in Nea Makri aus dem 2. Jahrhundert, am Marathon-Strand in der Nähe von Athen. Hier stehen wunderschöne Isis-Statuen auf einer Kultanlage, die sich einst an ein Badehaus angeschlossen hat. Teils tragen sie die Krone Unterägyptens, teils die Krone Oberägyptens.

Isis-Statue in Nea Makri, Griechenland
(Isis-Statue in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Spannend dabei: Eine der Isis-Statuen hält Kornähren in der Hand und ist somit eindeutig auch als Demeter zu identifizieren, die griechische Göttin der Ernte und des Ackerbaus.

Isis-Demeter in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert
(Isis-Demeter in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Die andere Statue hält Rosen, ein Kennzeichen von Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde.

Isis-Aphrodite in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert
(Isis-Aphrodite in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Apuleius: Metamorphosen (ca. zweite Hälfte 2. Jh.)

In den Metamorphosen von Apuleius, einem römischen Schriftsteller und Philosophen, befindet sich eine sehr kurze Schilderung von einer Einweihung in die Isis-Mysterien. Dabei werde Elementproben beschrieben (inspiriert von Empedokles Vier-Elemente-Lehre) und eine Unterweltreise. Hierbei handelt es sich um Prüfungen und Reinigungen auf dem Weg zur Initiation (wir erinnern uns: auch Plutarch schreibt von vernünftiger und heiliger Verfassung, in der das Heiligtum zu betreten sei).

Das Motiv der Mitternachtssonne in der ägyptischen Unterwelt wird im Rahmen der Einweihung in Szene gesetzt:

Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich betrat Proserpinens [Göttin des Frühlings und der Unterwelt] Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten; ich schaute die unteren und oberen Götter von Angesicht zu Angesicht und betete sie in der Nähe an. (Apuleius von Madaura: Metamorphosen oder der Goldene Esel. Übersetzt von August Rode, 1920, Buch XI.)

Illustration aus einer Metamorphosen-Handschrift, 1345
(Illustration aus einer Metamorphosen-Handschrift, Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, 1345.)

Diese kleine Textstelle aus dem fantasievollen Roman wird später zum Vorbild für viele initiatische Erzählungen, wie bspw. Sethos von Terrasson (1731).
 


Renaissance & Humanismus (15.-17. Jh.)

Corpus Hermeticum (Hermes Trismegistos, 15.-16. Jh. Übersetzungen)

Das Corpus Hermeticum beinhaltet eine Weisheitslehre, unter anderem in Form neuplatonischer Philosophie, ägyptisch-griechischer Religiosität und stoischer Ethik.

Kernfigur des Werkes ist der mythologische Lehrer und Offenbarer Hermes Trismegistos. Er lehrt, dass ein einziger göttlicher Geist (Nous) Ursprung, Leben und Sinn des ganzen Kosmos sei. Jeder Mensch trage einen Funken dieses Geistes in sich und könne durch innere Erkenntnis (Gnosis) zur ursprünlgichen, göttlichen Herkunft zurückkehren. Erlösung bedeutet hierbei die Befreiung vom Materiellen und die Wiedervereinigung mit dem Nous.

Das Corpus Hermeticum bildet die wesentliche Grundlage für die spätere, esoterische Ägyptenrezeption.

F: Wen erkennt ihr als Vater der königlichen Kunst an?
A: Hermes Trismegistos.
F: Und als Brüder?
A: Alle Adepten.

(Aus dem Katechismus des Chevalier de la Toison d’Or von de Tschoudy, publiziert 1766.)

Ägypten im Regius Poem (ca. 1425) und im Cooke MS (ca. 1450)

Die beiden ältesten, britischen Schriftzeugnisse aus dem Vorfeld der Freimaurerei sind das Regius Poem (Halliwell Manuskript) und das Cooke Manuskript aus dem 15. Jahrhundert. Die Texte enthalten neben einem Katalog aus Pflichten jeweils auch eine Legende über die Entstehung der Handwerkskunst. Viele dieser mythologischen Elemente fließen später in die Skizzen jener Traditionslinie ein, in der sich die Gentlemen Freemasons empfinden werden, wenn sie Anfang des 18. Jahrhunderts beginnen, in Londoner Pubs freimaurerische Rituale zu zelebrieren.

Beide Werke betrachten Ägypten als einen entscheidenden, frühen Ursprungsort der freimaurerischen Handwerkskunst. Sie unterscheiden sich jedoch in einigen Details der Erzählung.

Regius (ca. 1425) stellt dar, wie Euklid die Kunst der Geometrie im Land Ägypten entdeckt und beginnt, sie dort zu lehren. Ägypten wird somit als der intellektuelle Geburtsort der Geometrie und damit der organisierten Maurerei in Szene gesetzt. Von Ägypten aus verbreitet sich die Kunst schließlich. Viele Jahre später gelangt sie so nach England zur Zeit von König Athelstane. Die mythische Erzählung dient dazu, dem Handwerk einen edlen, gelehrten Ursprung in der klassischen Antike (Euklid und Ägypten) zu verleihen und es durch königliche Autorität (Athelstane) zu sanktionieren.

Das Cooke MS (ca. 1450) versetzt diesen Ursprung sogar noch weiter zurück. Die eigentliche Gründung der Geometrie und Maurerei wird zunächst Jabal zugeschrieben, einem Nachfahren Adams vor der Sintflut. Um die Kenntnisse der freien Künste vor der drohenden göttlichen Rache zu bewahren, beschließen seine Brüder und er, das Wissen auf zwei Säulen zu verewigen. Für das Material der einen Säule wählen sie Marmor (würde aufgrund seiner Härte von Feuer nicht zerstärt), die andere besteht aus Laterus-Stein (würde nicht im Wasser versinken).

Im Text werden die Säulen nach der Sintflut wiedergefunden, eine von Pythagoras, eine von Hermes dem Philosophen (wahrscheinlich Trismegistos). Doch die eigentliche Institutionalisierung der Kunst findet in Ägypten statt. Dort kommt der Gelehrte Euklid an, als der Nil gerade das Land überschwemmt. Euklid befähigt die Menschen mithilfe seiner Kenntnisse, Mauern und Gräben zu bauen, um das Wasser einzudämmen und umzuleiten, und anschließend das Land zu vermessen und aufzuteilen. Später lehrt Euklid den Söhnen der Adligen die eigentliche Baukunst und nennt sie Geometrie – und damit Maurerei –, aufgrund der von ihm durchgeführten Landvermessung in Ägypten.

Und nach dieser Flut, viele Jahre später, wie die Chroniken berichten, wurden diese beiden Säulen gefunden; und wie das Polychronicon sagt, fand ein großer Gelehrter, den die Menschen Pythagoras nannten, die eine, und Hermes der Philosoph fand die andere, und sie lehrten die Wissenschaften, die darin geschrieben standen. (Cooke MS, ca. 1450, Zeilen 318-326.)

Auszug aus dem Cooke Manuskript, ca. 1450, Zeilen 309-336
(Auszug aus dem Cooke Manuskript, ca. 1450, Zeilen 309-336.)

Sehr ähnliche Anmerkungen finden wir auch im Sloane No. 3848 MS (16. Oktober 1646), das zur Aufnahme von Br. Elias Ashmole angefertigt und höchstwahrscheinlich verlesen worden ist. Es basiert auf dem Grand Lodge No. 1 MS (1583).

Diese alten Manuskripte (Old Charges) haben direkt die Legende in Br. James Andersons Konstitutionen von 1723 inspiriert und ihr die Grundlage geliefert. Und wie wir sehen: Ägypten war in ihnen durchaus bereits präsent.
 


Frühaufklärung & Gegenaufklärung (18. Jh.)

Ägypten als Ursprung der israelitischen Maurer in Andersons Konstitutionen (1723)

Br. James Anderson fügt den ersten Konstitutionen der Premier Grand Lodge (1723) einen geschichtlichen Teil bei, der – im Vergleich zu den Old Charges – einen noch deutlicheren Bezug auf Ägypten nimmt. Auch die Pyramiden werden erwähnt:

Und zweifellos wurde die Königliche Kunst nach Ägypten gebracht von Mizraim, dem zweiten Sohn Hams, etwa sechs Jahre nach der Sprachverwirrung in Babel und 160 Jahre nach der Sintflut, als er dorthin seine Kolonie führte; (denn Ägypten ist im Hebräischen Mizraim), weil wir sehen, dass das Überlaufen der Ufer des Nils bald eine Verbesserung der Geometrie bewirkte, was folglich die Maurerei sehr gefragt machte. Denn die alten edlen Städte mit den anderen prächtigen Bauwerken dieses Landes, und insbesondere die berühmten Pyramiden, zeigen den frühen Geschmack und das Genie jenes antiken Königreichs. Ja, eine dieser ägyptischen Pyramiden* wird als das Erste der Sieben Weltwunder gezählt, dessen Berichte von Historikern und Reisenden fast unglaublich sind.

* [sic!]) Die Marmorsteine, die von weit her aus den Steinbrüchen Arabiens herbeigeschafft wurden, waren zumeist 30 Fuß lang; und ihr Fundament bedeckte den Boden auf jeder Seite mit 700 Fuß beziehungsweise 2800 Fuß im Umfang und 481 Fuß in der senkrechten Höhe. Und an ihrer Vollendung waren täglich 360.000 Männer für 20 ganze Jahre beschäftigt, eingesetzt von einem alten ägyptischen König, lange bevor die Israeliten ein Volk waren, zum Ruhm seines Reiches und letztendlich, um sein Grab zu werden.
(Anderson, 1723, S. 5/6.)

Von Ägypten aus wird das Handwerk dann direkt an die Kinder Israels weitergegeben. Br. Anderson schreibt:

So waren die Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten ein ganzes Königreich von Maurern, wohl unterwiesen unter der Führung ihres Großmeisters Moses, der sie oft in der Wildnis in einer regulären und allgemeinen Loge versammelte und ihnen weise Pflichten, Instruktionen usw. gab. (Anderson, 1723, S. 8/9.)

Älteste Erwähnung des Stammes Israel, Merenptah-Stele, 1208 v. u. Z.
(Älteste Erwähnung des Stammes Israel, Siegesstele des Merenptah, Sohn Ramses II., 1208 v. u. Z., Ägyptisches Museum Kairo; Foto & Hervorhebung: Robert Matthees, 2025.)

Diese positive Darstellung der ägyptischen Bauwerke ist beachtlich, denn dies ist eine komplexe gedächtnisgeschichtliche Neuerung. Denn als das Judentum entsteht, wird dieses als Gegenreligion zu den ägyptischen Glaubenssystemen positioniert: Der heilige Stier Ägyptens wird als Brandopfer dargebracht, die immanente ägyptische Götterwelt wird trasnzendent, monotheistisch und mit einem Bildverbot belegt. Ägypten wird fortan zum Inbegriff von Götzendienst und Aberglaube. Diese Vorstellung wird im Christentum übernommen. Erst die Renaissance und vor allem aufgeklärte Zeiten bewirken allmählich die Dekonstruktion dieses tradierten Bildes. Schon bald fallen die alten Grenzen im Denken und Ägypten wird zum Sinnbild ursprünglicher Weisheit (vgl. Assmann, 2000).

Mosesbrunnen vor der Ben Ezra Synagoge in Kairo – im Volksglauben verehrt als der Fundort von Baby Moses
(Mosesbrunnen vor der Ben Ezra Synagoge in Kairo – im Volksglauben verehrt als der Fundort von Baby Moses; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Kurz: Bereits in den ersten Konsitutionen der organisierten Freimaurerei gilt Ägypten als deren – wir würden heute sagen – mythologischer Ursprungsort. Damals werden derartige Texte übrigens keineswegs als bloße Mythen verstanden, sondern eher faktisch aufgenommen. Sie entsprechen der Art und Weise, wie Weltgeschichte zu dieser Zeit verstanden wird – eingebunden in einen biblisch-heilsgeschichtlichen Rahmen (vgl. Hölscher, 2020, S. 14 ff.; vgl. Hoffmann, 2023, vgl. Koselleck, 2021).

The Constitutions of the Free-Masons, 1. Ausgabe, 1723
(The Constitutions of the Free-Masons, 1. Ausgabe, 1723.)

Isis und Osiris-Motive im Meistergrad der Premier Grand Lodge (ca. 1725)

Als die Premier Grand Lodge in London zu wirken beginnt, existiert in dieser noch kein Meistergrad, wie wir ihn heute kennen. In den Konstitutionen von 1723 wird der vorsitzende Meister noch aus den Fellow-Crafts gewählt:

The most expert of the Fellow-Craftsmen shall be chosen or appointed the Master, or Overseer of the Lord's Work, who is to be call'd Master by those that work under him. (Anderson, 1723, S. 52.)

In der zweiten Ausgabe 1738 sind es dann die Master Masons, welche die Logenbeamten bilden:

The WARDENS are chosen from the Master-Masons, and no Brother can be a Master of a Lodge till he has acted as Warden somewhere. (Anderson, 1738, S. 145.)

Oft wird auf die vielen strukturellen Parallelen hingewiesen, die der neue Meistergrad zum Isis-Osiris-Mythos aufweist (Tod des gerechten Meisters, Suche nach dem Leichnam, Wiedererweckung, Überwinden und Erfahren des Mysteriums des Todes). Doch liegt hier wirklich bereits eine bewusste oder unbewusste Ägyptisierung des Rituals vor?

Dagegen sprechen bspw. die Inhalte im Graham MS. Dieses ist auf den 24.10.1726 datiert, scheint indes eine Komposition von Inhalten zu sein, die aus den Jahren 1630 bis 1670 stammen könnten (vgl. Acaster, 2018).

Das Graham Manuskript wird oft als Blueprint für den Grad des Freimaurermeisters beschrieben, denn es beinhaltet bereits die Hiramlegende, die jedoch noch aus der Noachiten-Tradition erzählt wird: Noah stirbt, das Meisterwort ist verloren und seine drei Söhne versuchen ihn mit den bekannten Punkten zu erheben. Isis und Osiris oder Verweise auf Ägypten suchen wir darin vergebens (bis auf einen kurzen Kommentar zum Auszug der Israeliten aus Ägypten). Durch den Fokus auf das symbolische Bauen aus Stein wird im Meistergrad der Premier Grand Lodge aus Noah schließlich Hiram.

Als wesentlicher Ideengeber für die eigentliche Konzeption des Meistergrads innerhalb der Premier Grand Lodge gilt Br. John Theophilus Desaguliers (vgl. Powell, 2020). Br. Desaguliers wirkt als Doktor der Theologie (Oxford), Naturphilosoph, Bibliothekar und Übersetzer. Plutarch gehört zur damaligen Zeit zwar im entsprechenden Bildungsstand zur Standardlektüre. Auch existieren im frühen 18. Jahrhundert in London obendrein mehrere Ausgaben von De Iside et Osiride, mittlerweile sogar in Übersetzung und in kommentierten Fassungen (bspw. Baxter, 1684). Jedoch gehört Br. Desaguliers zum direkten Umfeld von Isaac Newton. 1714 wird er von ihm als Fellow für die Royal Society vorgeschlagen. Br. Desaguliers verfasst Bücher mit über 1000 Seiten über Newtons Experiemente, sogar ein Gedicht über das Newtonsche System der Welt als ideale Regierungsform (vgl. Carpenter, 2011).

Dies ist für die Frage einer möglichen Ägyptisierung relevant, da Personen wie Isaac Newton oder der Altertumsforscher und Freimaurer der ersten Stunde Br. William Stukeley damals noch überzeugt sind, der Salomonische Tempel sei ursprünglicher und älter als die ägyptischen Pyramiden. Sie halten den Salomonischen Tempel für den geistigen und geometrischen Ursprung der perfekten Baukunst, eine Ansicht, die in ihrer Chronologie eine späte Datierung bzw. eine sekundäre Bedeutung der Pyramiden erfordert (vgl. Morrison, 2010).

All dies spricht auf dem ersten Blick gegen eine frühe Ägyptisierung. Dennoch existieren gleichzeitig andere Perspektiven. Wir erinnern uns bspw. an die hohe Stellung, der Ägypten im 1723er Konstitutionsbuch von Br. Anderson beigemessen wird.

Ebenso lohnt sich ein Blick in das Dumfries No. 4 MS (1710). Denn im Dumfries No. 4 stammt Hiram tatsächlich direkt aus Ägypten:

Frage: Auf welche Weise wurde der Tempel erbaut?
Antwort: Von Salomo und Hiram, welche die Werkzeuge für dieses Werk lieferten. Es war Hiram, der aus Ägypten geholt wurde; er war der Sohn einer Witwe. Er lieferte alle Arten von Werkzeugen: Spitzhacken, Spaten, Schaufeln und alle Dinge, die zum Tempel gehörten.

(Dumfries No. 4 MS, 1710.)

Dies steht im Kontrast zu 1 Könige 7:14, wo Hiram von Tyrus als Sohn einer Witwe aus dem Stamm Naftali beschrieben wird. Die Erwähnung im Dumfries No. 4 Katechismus zeigt jedoch, dass gleichzeitig altägyptische bzw. ägyptisch-griechische Konnotationen präsent sind – und bei einer Herkunft aus Ägypten ist hier als mythologische Witwe tatsächlich Isis anzunehmen.

Ein weiteres relevantes Zeugnis ist die sehr detaillierte Reaktion auf Masonry Dissected (1730, der erste Druck der Grade 1 bis 3 der Premier Grand Lodge und damit des neuen Meistergrads) – die Schrift A Defence of Masonry (1730). Darin schreibt Br. Martin Clare:

Ich war außerordentlich erfreut darüber, dass der Dissector [Entschlüsseler / Autor von Masonry Dissected] die ursprüngliche Szene der Maurerei im Osten ansiedelte, einem Land, das seit jeher berühmt war für symbolisches Wissen, gestützt durch Geheimhaltung. Ich musste unweigerlich sofort an die alten Ägypter denken, die die Hauptmysterien ihrer Religion unter Zeichen und Symbolen, den sogenannten Hieroglyphen, verbargen. Und so groß war ihr Respekt vor Stille und Geheimhaltung, dass sie eine Gottheit namens Harpokrates hatten [griech. für das Horus-Kind], die sie mit besonderer Ehre und Verehrung achteten.
Ein gelehrter Autor hat eine Beschreibung dieses Götzen geliefert: [...]
Harpokrates, der Gott der Stille, wurde dargestellt [sic!] mit seiner rechten Hand nahe dem Herzen platziert, bekleidet mit einer Haut auf der Vorderseite, die mit zahlreichen Augen und Ohren versehen war, damit wir dadurch verstehen, dass viel zu sehen und zu hören ist, aber wenig zu sprechen.
Und bei denselben Leuten hatte ihre große Göttin Isis (dieselbe wie Minerva, die Göttin der Stärke und Weisheit bei den Griechen) stets das Bildnis einer Sphinx am Eingang ihrer Tempel platziert, [...] weil die Geheimnisse unter heiligen Hüllen geschützt werden müssen, damit sie dem Wissen des gewöhnlichen Volkes ebenso vorenthalten bleiben wie die Rätsel, die von der Sphinx gestellt wurden.

(A Defence of Masonry, 1730, Kapitel 3.)

Br. Anderson fügt diese Schrift sogar der zweiten Ausgabe der Konsitutionen bei (1738, S. 216-228).

In der Premier Grand Lodge herrscht demzufolge eine Pluralität von Meinungen. Pyramiden, Sphinxe, Isis und Horus werden innerhalb der Premier Grand Lodge spätestens seit dem Druck der zweiten Ausgabe der Konstitution (1738) mit Elementen der eigenen Freimaurertradition verbunden. Ob derartige Vorstellungen bereits bei der Konzeption des Meistergrads wesentlich sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Präsent sind sie im Umfeld der Entstehung auf jeden Fall.

Aufgrund der Neuerungen im rituellen Geschehen – eine mythologische Legende um Baumeister Hiram, die mit dem Kandidaten als Hauptperson inszeniert wird – kann der damals neu eingeführte Meistergrad mit Hiramlegende durchaus als erster Hochgrad der Freiamurerei betrachtet werden (vgl. de Hoyos, 2016, S. 121).

Weitere rituelle Neuerungen mit ganz eindeutigem Bezug auf Ägypten folgen bald.

Abbé Terrasson: Sethos (1731)

Der französische Roman Sethos von Terrasson erzählt in extrem fantasievoller Form das Geschehen bei der Einweihung durch ägyptische Priester (inspiriert von den kurzen Andeutungen in den Metamorphosen von Apuleius). Das französische Original erscheint 1731, bereits 1732 folgt die erste Übersetzung ins Deutsche. Großen Erfolg feiert außerdem 1777/78 die Übersetzung von Br. Matthias Claudius.

Landkarte in Sethos von Terrasson, 1731.
(Landkarte in Sethos von Terrasson, 1731.)

Im Roman wird der Kandidat zuerst durch einen dunklen, engen Gang in das Innere der Pyramide geführt. Vorsichtig tastet er sich voran, kriecht teilweise auf seinem Bauch. Schreckliche Geräusche und Hindernisse begleiten seine Schritte. Dies symbolisiert den Abstieg in die Unterwelt, die Trennung von der Welt der Sinne (Erd-Probe).

Schließlich führt ein Abgrund weiter hinab. Hier erblickt Sethos die Warnung, die später in sehr ähnlicher Form auch in Freimaurerritualen und in der Zauberflöte zu finden sein wird (aus der deutschen Übersetzung, 1732):

Wer diesen Weg allein und ohne hinter sich zu sehen thun wird, soll durch Feuer, Wasser und Lufft gereiniget werden und wo er das Schröcken des Todes uberwinden kan, soll er aus dem Schoosse der Erde herausgehen, das Licht wieder sehen und das Recht haben, seine Seele zu Offenbarung derer Geheimnisse der grossen Göttin Isis zuzubereiten. (Terrasson: Sethos. Übersetzung v. Wend, C. G., 1732, S. 149.)

Das folgende Geschehen bietet darüber hinaus die Grundlage für die spätere Einführung von Elementproben in Freimaurerrituale.

Denn unten angekommen muss Sethos durch einen Gang voller Flammen und brennenden Substanzen schreiten. Durch einen optischen Trick wirkt es jedoch nur lebensgefährlich, ist aber eigentlich harmlos — sofern er ruhig bleibt, das Feuer nicht fürchtet (Feuer-Probe). Die Priester nutzen die Furcht und die Sinne der Unwissenden, um sie zu prüfen. Für den aufgeklärten und mutigen Kandidaten, der die Naturgesetze kennt, entpuppen sich die Schrecken dagegen vielmals nur als Illusionen oder beherrschbare Mechanismen.

Direkt nach dem Feuer versperrt ihm ein großes Gewässer den Weg. Es ist ein unterirdischer Kanal bzw. ein breites Becken, das von den Wassern des Nils gespeist wird. Weit muss er schwimmen, um die andere Seite zu erreichen — für die Reinigung seiner Seele (Wasser-Probe).

Nun folgt die Luft: Um einen erneuten Schacht ins Nichts zu überwinden, muss Sethos auf eine Zugbrücke steigen. Doch diese senkt sich nicht vollständig und droht wegzuklappen. Er muss sich im letzten Moment mit einem mutigen Sprung an zwei Eisenringe retten, die in der Luft hängen. Heftige Luftzüge und Winde setzen ihm zu (Luft-Probe). Auch hier muss er Mut und Vertrauen beweisen, denn initiatorisch handelt es sich um die Begegnung mit dem Atem der Welt, um die Inspiration des Geistes.

Dergestalt geläutert erreicht er schließlich die Halle der Isis, wo er die Initiation erfährt. Der Neophyt erlebt eine Wiedergeburt im Licht, erblickt die Mitternachtssonne im Inneren der Erde, das Licht in der Dunkelheit — ein Motiv aus der ägyptischen Osiris-Mythologie, teils auch aus dem Johannes-Evangeluim und natürlich aus den Metamorphosen von Apuleius. So betritt er schließlich als Eingeweihter wieder die Welt — und wird König.

Die Geschichte von Sethos endet mit der Beschreibung einer goldenen Ära in Ägypten, die auf Vernunft, Weisheit und Tugend beruht — Tugenden, die er im Inneren der Pyramide erworben hat. Der Roman wird hierdurch zum idealisierten Vorbild für aufgeklärte Adlige und war auch in den Bibliotheken Friedrich II. zu finden. Schnell entwickelt sich Terrassons Werk zur philosophisch-mythologischen Grundlage für die moralische Ausrichtung so mancher Systeme der frühen Freimaurerei.

Die Manuskripte von Br. Théodore-Henri de Tschoudy (Tschudi)

Br. de Tschoudy wird 1727 in Metz (Frankreich) geboren. 1750 geht er nach Neapel (Italien), wo er mit den freimaurerischen Hochgraden von und um Br. Großmeister Raimondo di Sangro in Kontakt kommt, die er beim Transkribieren vermutlich noch selbst erweitert. Besonders wegweisend wirken seine späteren Gedanken, bspw. zum Symbol des Flammenden Sterns, dessen Strahlen er mit den vier Elementen und der Quinta Essentia verbindet und den er im Sinne von Läuterung und innerem Feuer interpretiert. Seine Ideen und Schriften bilden später einige der Kernelemente des Ritus von Misraim.

Ruinen des Apollontempels in Delphi, wo Plutarch als Priester wirkte
(Br. Raimondo di Sangro, Großmeister der Neapolitanischen Freimaurerei, Gemälde von Francesco de Mura, ca. 1745-1755.)

Neben des Einflusses aus Neapel nimmt Br. de Tschoudy in seinem Buch auf Sethos direkt Bezug:

Ich könnte – indem ich die Sinne unserer Institution mit einem mystischen Glanz umhülle – Sie in jene sagenhaften Zeiten Ägyptens zurückversetzen, die Sethos so trefflich beschreibt: Sie würden sehen, dass die Einweihungen in die heiligen Mysterien der guten Göttin alle abgestuft und aufeinanderfolgend waren; dass die ersten Prüfungen etwas Kindisches an sich hatten, trotz des schreckenerregenden Aufwands, der sie begleitete; dass das Noviziat schließlich lang war und jede ihrer Zeremonien ein ernsteres Symbol verhüllte, dessen Rätsel sich erst nach langer Zeit enthüllte – als Lohn für Verschwiegenheit und Vertrauen. (de Tschoudy, T.-H.: L'etoile flamboyante ou la societe des francs-macons, 1766, S. 3/4.)

Für Br. de Tschoudy ist der Begriff Ägypten gleichbedeutend mit christlicher Hermetik, d.h. einem Weltbild aus der Renaissance, in welchem christliche Vorstellungen mit Ideen von Astrologie, Alchemie und Kabbala verbunden werden, mit einem großen Interesse an antiken Kulturen und paganen Mysterien (vgl. Ravignat 2021, S. 42). Heute greifen wir auf eine Vielzahl dieser ursprünglichen Motive vor allem symbolisch zurück.

Afrikanische Bauherren (spätestens 1760er, Gründung in Berlin)

Fast gleichzeitig bildet sich in Deutschland das System der Afrikanischen Bauherren. Es handelt sich hierbei um ein frühes freimaurerisches Hochgradsystem mit ägyptischer Symbolik und Konnotation. Deutlich wird die Verbindung von Ägypten, Bauhütte und Initiation.

Die Warnung aus Sethos vor dem Abstieg nach unten wird im Ritual auf einer großen Tafel zu Beginn der Aufnahmehandlung fast wortwörtlich zitiert:

Wer diesen Weg alleine gehet, ohne hinter sich zu sehen, soll durch Luft, Feuer und Wasser gereiniget werden, und wo er die Schrecken des Todes überwinden kann, soll er aus dem Schooße der Erde wieder hervor gehen, und das Licht sehen und das Recht haben, seine Seele zu den wichtigsten Geheimnissen vorzubereiten. (Schröder, F. L.: Ritualsammlung 9a, 1805, S. 14.)

Crata Repoa, 1770
(Titelblatt der Crata Repoa, 1770, aus dem Umfeld der Afrikanischen Bauherren, eine fiktionale Schrift, in der Einweihungen in die Ägyptischen Mysterien beschrieben werden - wurde damals nicht als Fiktion gelesen.)

Ägyptische Freimaurerei von Br. Alessandro Cagliostro (ab ca. 1777)

Evtl. ist das System von Br. Cagliostro inspiriert von Erlebnissen um Saint-Germain, sicher ist es inspiriert durch Br. Chevalier Luigi d'Aquino, dessen Bruder in Neapel Großmeister war. Es handelt sich hierbei um frühe Grade mit teils sehr bunten und okkulten Interpretationen (die Hieroglyphen wurden noch lange nicht verstanden, Ägypten fungierte vielmehr als Projektionsfläche für eigene Vorstellungen).

Gelehrtenkreise und Logendiskurse

Ägyptische Symbolik gelangt zu dieser Zeit in Europa generell verstärkt in Gelehrtenkreise und Logendiskurse (Ägypten dient weiterhin als Symbol für die ursprüngliche Weisheit). Ein schönes Beispiel ist die Pyramiden-Symbolik auf dem Freimaurerschurz von Br. Voltaire (links im Bild unten), der im hohen Alter von 84 Jahren am 4. April 1778 in die Freimaurerei aufgenommen worden ist. Die Legende besagt, dass Br. Voltaire beim Überreichen des reichlich verzierten Freimaurerschurzes so gerührt war, dass er ihn sogleich zu seinen Lippen führte und küsste.

Freimaurerschurz von Br. Voltaire
(Freimaurerschurz von Br. Voltaire; Foto G. Garitan, 2014, Musée de la Franc-Maçonnerie Paris, CC BY-SA 4.0.)

Die Forschungslogen von Br. Ignaz von Born (Wien, 1783–1785)

Br. Ignaz von Born lässt in seinen Forschungslogen in Wien antike Mysterien besprechen. Br. Mozart ist bspw. anwesend, als der Vortrag Über die Mysterien der Aegyptier in der Loge Zur wahren Eintracht gehalten wird (gedruckt in: Journal für Freymaurer; Nr. 1, 1784, S. 17-132). Ägypten wird hier oft im Rahmen einer doppelten Religion verstanden, das heißt einer Religion für das Volk und einer verborgenen Religion für Eingeweihte (letztere nicht selten dargestellt als aufgeklärter Deismus im Sinne Spinozas).

Die Zauberflöte (Wien, 1791)

Die Uraufführung der Zauberflöte findet statt (Wien, 1791). Auch hierin wird die gleiche Stelle aus Sethos (wie bei den Afrikanischen Bauherren) nahezu wortwörtlich zitiert (Motive: Elementproben, Reisen).

Bühnenbild zur Zauberflöte, 2. Akt, Szene 28, von Karl Friedrich Schinkel, 1816, gedruckt 1847
(Schinkel, K. F.: Bühnenbild zur Zauberflöte, 2. Akt, Szene 28, 1816, gedruckt 1847.)

Der, welcher wandert diese Strasse voll Beschwerden, / Wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden; / Wenn er des Todes Schrecken überwinden kann, / Schwingt er sich aus der Erde Himmel an. / Erleuchtet wird er dann im Stande seyn, / Sich den Mysterien der Isis ganz zu weih'n.
(Mozart, W. A.; Schikaneder, E.: Die Zauberflöte, 1791.)

Die Freimaureroper feiert riesige Erfolge, schon bald zieren Sphinxe & Co. so manche Logenhäuser (die Sphinx bewacht in der ägyptischen Mythologie den Eingang zum Heiligen).

Theaterzettel zur Uraufführung der Zauberflöte in Wien, 1791
(Theaterzettel zur Uraufführung der Zauberflöte in Wien, 1791.)
 


Schlüsselmomente & Verschmelzung (19. Jh.)

Uraufführung der Zauberflöte in Paris (20. August 1801) & Ende des Napoleonischen Ägyptenfeldzugs (31. August 1801)

In Paris wird Die Zauberflöte unter dem Titel Les Mystères d’Isis uraufgeführt. Elf Tage danach kommt es zum offiziellen Ende des Napoleonischen Ägyptenfeldzugs. Umfangreiche Berichte & Publikationen folgen (bspw. die mehrbändigen und hervorragend bebilderten Ausgaben von Description de l'Égypte, 1809–1829). Dies führt zu einer neuen Blüte der Sethos-Imagination.

Heiliger Orden der Sophisten (15. Oktober 1801)

Der Heilige Orden der Sophisten wird am 15. Oktober 1801 von Freimaurern kurz nach dem Ende von Napoleons Feldzug in Ägypten gegründet. In ihm werden Motive der Isis-Initiation inszeniert, auf Grundlage von Sethos und den vorherrschenden Vorstellungen über Ägypten zu jener Zeit. Viele Menschen aus der Wissenschaft, der Kunst und Militär-Veteranen mit Bezug zu Ägypten finden sich in ihm zusammen (vgl. Spieth, 2007).

Darstellung eines Untergrund-Tempels mit Mumien, ca. 1819-1821
(Darstellung eines Untergrund-Tempels mit Mumien, auch das Motiv der Mitternachtssonne ist zu erkennen. In: Livre d'or du rite, Bibliothèque nationale de France FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 68.)

Ägyptische Mysterien im Ritual 1° (ab 1801)

Ebenfalls genau zu dieser Zeit entstehen in Paris die Rituale für die ersten drei Grade des Schottischen Ritus. In diesen Ritualen werden die symbolischen Reisen bei der Aufnahme erstmals direkt mit Elementproben verbunden, wie diese seit Sethos verstanden werden. Viele weitere Motive des damaligen Bildes antiker Mysterien werden eingeflochten, wie Hindernisse, Lärm bei den Reisen, Höhlen oder Abgründe – vergleichbar mit dem Orden der Sophisten. Diese neuen Praktiken verbreiten sich schnell auch in anderen Lehrarten.

Diese Anklänge sind in stark abgeschwächter und umgedeuteter Form noch heute in vielen Ritualtraditionen zu finden – bspw. weiterhin im 1°-3° des Schottischen Ritus oder im deutschen A.F.u.A.M.v.D.-Standardritual. Im Letzteren wird sogar Isis und Osiris aus Br. Mozarts Oper als Musikstück empfohlen, nachdem das Licht wiedererlangt und die Aufnahme vollzogen worden ist. Das A.F.u.A.M.v.D.-Standardritual ist eine erneuerte Mischform aus den Ritualen der Großlogen der Weimarer Republik, von denen viele bspw. Elementproben bei den symbolischen Reisen beinhalten. Die britische Ritualtradition enthält dagegen keine Elemente bei den Reisen, dunkle Kammern oder ähnliches.

Auch Hinweise auf die Verwendung einer dunklen Kammer lassen sich erst sechs Jahre nach Sethos innerhalb der französischen Freimaurerei entdecken (vgl. Reception D'un Frey-Maçon, 1737).

Spannend sind in diesem Zusammenhang ebenso die Sternenhimmel, welche die Decken so mancher Logenräume zieren. Bereits die frühen Katechismen der Freimaurerei beschreiben die Höhe einer Loge als unermesslich. Im Dumfried No. 4 MS heißt es bspw.:

Frage: Wie hoch ist deine Loge?
Antwort: In Zoll und Spannen unzählbar.
Frage: Wie unzählbar?
Antwort: Wie die geschaffenen Himmel und das sternenbesäte Firmament.

(Dumfries No. 4 MS, 1710.)

Diese Vorstellung ist der Ursprung des Symbols.

Dieses Motiv taucht jedoch erstmals in Ägypten auf, als Kennzeichnung eines Raums im Jenseits, in der Unterwelt, im Osiris-Reich – dort, wo die Sonne nachts ihre Wanderung fortsetzt:

Sternenhimmel in der Pyramide von Unas
(Sternenhimmel in der Pyramide von Unas, 5. Dynastie, ca. 24. Jahrhundert v. u. Z., inkl. der ersten Pyramidentexte, Vorläufer der späteren Sargtexte und des Totenbuchs, Foto: Robert Matthees, 2025.)

Die Frage ist berechtigt, auch wenn die Antwort spekulativ bleiben mag: Hat sich hier durch die vertiefte Kenntnis ägyptischer Tempel aus Beschreibungen und Darstellungen in Reiseberichten vielleich auch die Konnotation geändert, mit der das Symbol des Sternenhimmels in den Logen empfunden wird?

Oder anders formuliert: Wenn die Lichtgebung bei der Aufnahme in einem solchen Umfeld geschieht (dunkle Kammer und Elementproben zuvor, Sternenhimmel an der Decke, ggf. noch Mozarts Zauberflöte), erfolgt dies dann symbolisch überhaupt noch vornehmlich im Salomonischen Tempel, oder eher in einem Umfeld der Mitternachtssonne, wie es in den Traditionen westlicher Esoterik für die ägyptischen Mysterien skizziert worden ist?

Wie auch immer die individuelle Antwort ausfallen mag: Die Zauberflöte, Sethos und so manche Reiseberichte wirken stark inspirierend und führen zu manchen Neuerungen innerhalb der Freimaurerrituale. In der DNA der Freimaurerei stecken Anklänge ägyptischer Motive indes bereits seit den frühsten Stunden, die spätestens seit Br. Andersons Konstitutionen sogar flächendeckend verbreitet werden (1723, stärker nochmal 1738).

Titelblatt der ersten Druckversion der Symbolischen Grade des Schottischen Ritus, 1820
(Titelblatt der ersten Druckversion der Symbolischen Grade des Schottischen Ritus, 1820, bereits mind. 15 Jahre zuvor von einigen Pariser Logen praktiziert.)

Ritus von Misraim (ca. 1805, Italien/Frankreich)

Der Ritus von Misraim wird von Veteranen des Napoleonischen Ägypten-Feldzugs gegründet und promotet. Besonders Br. Marc Bédarride ist hier zu nennen. Br. Bédarride wird 1803 mit seinem leiblichen Bruder Michel in Neapel in die Freimaurerei aufgenommen. Er steht somit in einer Tradition wie einst schon Br. de Tschoudy.

Br. Marc Bédarride in Misraim-Regalia
(Br. Marc Bédarride in Misraim-Regalia, gedruckt in: De l'ordre maçonnique de Misraïm, 1845.)

Auf diesem Bild ist Br. Bédarride als Erster Groß Konservator des Ritus zu sehen. Heute entspricht dies unserem 95° in den vereinigten Riten. Brüder und Schwestern im 95° sollen die Lehre und den Fortbestand der Tradition der Mysterien für die kommenden Generationen sichern.

Br. Robert Matthees, Autor dieses Textes, in der Regalia des 95° vor der Khufu/Cheops-Pyramide in Gizeh
(Br. Robert Matthees, Autor dieses Textes, in der Regalia des 95° vor der Khufu/Cheops-Pyramide in Gizeh, 16.11.2025.)

Der Misraim-Ritus hat initial 77 Grade, wird 1813 sogar auf 90 Grade erweitert (freimaurerisches Mysterienspiel war eben schon immer auch Entertainment).

Br. Bédarride nutzt für seinen Ritus den Namen der synkretisch jüdisch-ägyptischen Gestalt Misraim. Wie schon in Br. Andersons Konstitutionen (1723), ist für Br. Bédarride Misraim der Sohn des biblischen Ham, der in Ägypten sesshaft wurde und dort die Kunst der Freimaurerei mit ihren Mysterien perfektionierte (vgl. Bedarride, M.: De l'ordre maçonnique de Misraïm, 1845). Misraim (מִצְרַיִם) ist generell das hebräische, biblische Wort für Ägypten.

Frage: Welche Beziehung besteht zwischen der Freimaurerei und Ägypten?
Antwort: Die Freimaurerei, das heißt das Wissen um die Wahrheiten der Natur und ihrer Gesetze, wurde in Ägypten von Weisen bewahrt, die sie vor dem gemeinen Volk verbargen, indem sie sie in kunstvolle Sinnbilder (Embleme) hüllten.

(Aus dem Original Misraim-Lehrlingskatechismus von Br. Marc Bédarride.)

Wir haben einige Elemente dieser ursprünglichen Grade wieder in unsere Arbeiten aufgenommen, die in anderen modernen Ägyptischen Riten der Freimaurerei im Laufe der Zeit oft verlorengegangen sind, bspw. durch die (oft guten und wegweisenden) Reformen von Br. Marconis de Nègre (Ritus von Memphis), von Br. Harry J. Seymour (eine Schlüsselfigur in der Verbreitung des Ritus in den USA), von Br. John Yarker (vereinigte Riten) oder von Br. Robert Ambelain (ab 1960 in Frankreich).

Das Arcana Arcanorum (1813/1816)

Am 20. November 1816 legen Br. François Joly, Br. Armand Gaborria und Br. Francisco Garcia dem Grand Orient in Frankreich die höchsten Grade des Ritus vor, in die sie 1813 in Neapel aufgenommen worden sind. Hierbei handelt es sich in der Struktur bereits um das heute als 87°-90° zelebrierte Arcana Arcanorum (die Leiter von Neapel). Für uns ist dies noch heute das initiatorische Kernstück unseres Ordens, voll poetische Sprache und tiefer Symbolik aus Neuplatonismus, Hermetik und Kabbala.

77. und damals höchster Grad aus dem Gaborria-Bestand, Ms 370
(Deckblatt des 77. und damals höchsten Grades, der dem Grand Orient vorgelegt worden ist; Manuskript 370 aus dem Gaborria-Bestand der Bibliothek Alençon.)

Vuillaume: Tuileur de tous les rites de maçonnerie, 1820
(Illustration aus Vuillaume, C. A.: Tuileur de tous les rites de maçonnerie pratiqués en France, 1820. Erste Übersetzung ins Deutsche bereits 1821.)

Ritus von Memphis (1838, Frankreich)

Ab ca. 1834 beginnt Br. Jacques Étienne Marconis de Nègre, ursprünglich Mitglied im Ritus von Misraim, mit seinen Reformen, die eine verstärkte Einführung vorhandener Grade und Ideen aus anderen französischen Systemen betreffen, bspw. die Einführung von Templer-, Rosenkreuzer- und pythagoreischer Symbolik, aber auch Begriffe universalistischer Religiosität. Hieraus entsteht 1838 der Ritus von Memphis, benannt nach der einstigen Hauptstadt Ägyptens.

Im altägyptischen Memphis wird Ptah als Schöpfergott verehrt, der Schutzgott der Handwerker, Bildhauer und Architekten.

Ptah in Memphis
(Ptah in Memphis; Foto: Robert Matthees, 2025.)

In einer Hymne an Ptah heißt es, dass er die Welt nach dem Entwurf seines Herzens geschaffen hat, und der Shabaka-Stein aus der 25. Dynastie erklärt, dass Ptah allen Göttern und auch ihren Kas [ihrer spirituellen Essenz] durch dieses Herz und diese Zunge Leben gibt. Hierbei handelt es sich tatsächlich um den ersten Schöpfungsmythos, der eine Schöpfung durch das Wort beschriebt – wie es später auch in der Bibel zu finden ist.

Die altägyptischen Mythen beschreiben den Kosmos und unsere Position darin. Sie sind Teil des damaligen Lebens, geben Tiefe, Richtung und Sinn. Überall wirken göttliche Kräfte. Es gibt keine festgefahrene oder in einem Kanon verewigte Theologie, keinen einheitlichen Mythos, vielmehr eine Pluralität an Ideen und Konzepten.

In einem anderem Schöpfungsmythos geht allem das dunkle, grenzenlose Urwasser Nun voraus. In ihm erschafft eine Achtheit von Göttern durch ihre vereinten Kräfte das kosmische Ei, aus dem das Licht (Sonnengott Re) geboren wird.

Einige Mythen erzählen vom Großen Gackerer, der göttlichen Gans, die den Anbruch der Morgenröte verkündet und die Stille des Kosmos bricht.

In anderen Regionen wird berichtet, wie der Sonnengott Re aus der Lotusblüte hervortritt und die Finsternis vertreibt. Denn Lotusblüten versinken jede Nacht im Nil (verschließen sich), bis sie am Morgen wieder auftauchen – um die wiedergeborene Sonne anzubeten. Auch die Papyrusblüte gilt als heilig, da sie an Sonnenstrahlen erinnert.

Mythen sind wunderschön und erfüllen ein tiefes Bedürfnis der Menschen, sich in der Welt und im Kosmos zu verorten und gleichzeitig ihre Potenziale zu spüren (vgl. Campbell, 1991). Genau genommen zielen sie nicht auf das bloße Woher kommen wir? Es ist vielmehr ein: Warum sind wir hier?

Heute wirkt dieses Verorten teils mechanisch und leblos, in einem Weltbild dominiert von Logik und Rationalität. Hiervon ist das alte Ägypten noch weit entfernt. Im alten Ägypten sind die Mythen noch lebendig – und sicher sollen sie auch unterhalten. Hiervon zeugt bspw. eine Erzähung um Sekhmet aus dem Buch der Himmelskuh. Sekhmet ist die Tochter Res und die Frau Ptahs, Göttin der Heilung, des Schutzes, aber auch der Zerstörung und des Krieges.

Ptah, Ramses II., Sekhmet im Grand Egyptian Museum Kairo
(Ptah, Ramses II., Sekhmet im Grand Egyptian Museum Kairo; Foto: Robert Matthees, 2025.)

Hier sehen wir links Ptah und in der Mitte neben ihm steht Ramses II., einer der bedeutendsten ägyptischen Könige. Ramses II. hinterlässt monumentale Bauwerke und den ersten bekannten Friedensvertrag der Weltgeschichte (mit den Hethitern). Seine beispiellos lange, 66-jährige Regentschaft führt Ägypten zum Höhepunkt diplomatischer und kultureller Macht.

Rechts neben Ramses II. steht Sekhmet, deutlich an ihrem Löwenkopf zu erkennen. Im alten Ägypten werden Gottheiten in drei verschiedene Personifikationen dargestellt: entweder in menschlicher Form, in menschlicher Form mit Tierkopf, oder ganz in Tierform. Dies hat keineswegs zu bedeuten, dass hier das Tier selbst verehrt wird. Es ist vielmehr so, dass die Qualitäten der Tiere denen der Gottheiten entsprechen und selbige so greifbarer werden (wie bspw. Jesus als Lamm, der Evangelist Markus als Löwe, Johannes als Adler usw.). Für Sekhmet jedenfalls passt der Löwenkopf pefekt!

Denn eines Tages erfährt der alte Sonnengott Re, dass die Menschen sich gegen ihn verschwören. Er beschließt, sie durch sein Auge zu bestrafen, das sich in die furchtbare, löwenköpfige Göttin Sekhmet – die Mächtige – verwandelt.

Sekhmet beginnt ihre Mission als Zerstörerin. Sie schlachtet die aufständischen Menschen ab und gerät dabei in einen unkontrollierbaren Blutrausch. Sie hat so große Freude am Töten, dass sie schwört, die gesamte Menschheit auszurotten.

Schnell bereut Re seine Entscheidung, da er sieht, dass Sekhmet völlig außer Kontrolle geraten ist und niemand mehr auf der Erde überleben wird. Daraufhin beauftragt er seine Diener, Tausende Krüge Bier zu brauen.

Das Bier wird mit rotem Ocker bzw. Granatapfelsaft vermischt, sodass es die Farbe von Blut annimmt. Diese riesige Menge an rotem Gebräu wird auf die Felder gegossen, die Sekhmet auf ihrem Weg durchqueren muss.

Sekhmet, vom Blutdurst überwältigt, sieht die rote Flüssigkeit und hält sie für das Blut der Menschen. Sie trinkt die gesamte Menge gierig aus. Vom Alkohol völlig betrunken und berauscht, kann sie ihren Blutrausch nicht fortsetzen, verliert die Orientierung und schläft ein.

Als Sekhmet erwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Ihre Mordlust ist verschwunden. Re verwandelt sie so in die sanftere Göttin Hathor, in den anderen Aspekt des göttlichen Sonnenauges. Hathor ist die Göttin der Liebe, der Schönheit, der Musik, die Göttin von Tanz und Fruchtbarkeit, Freude und Mutterschaft (denn all das bringt das Sonnenauge ebenso), aber auch eine Kriegsgöttin – wie ihr anderer Aspekt Sekhmet. Hathor wird in Kuhgestalt oder als Frau mit Kuhhörnern dargestellt, zwischen denen die Sonnenscheibe ruht. Im alten Ägypten ist eben alles miteinander mythologisch verbunden, überall funkeln die Kräfte der Götter – und alles fließt in einem ewigen, kosmischen Prozess.

Malzbier über den Dächern Kairos
(Malzbier über den Dächern Kairos; Foto: Robert Matthees, 2025.)

So wird im alten Ägypten die Menschheit durch Bier gerettet. Darauf habe ich natürlich angestoßen (jedoch alkoholfrei)! Damals wird das Schöne Fest der Trunkenheit bzw. das Fest der Hathor jährlich um das Neujahrsfest herum gefeiert, mit dem Einsetzen der Nilschwemme, die das Land wieder fruchtbar macht und die zerstörerischen Aspekte der Sonne zum Ruhen bringt – und mit ganz viel Bier, das zur roten Färbung mit Granatapfelsaft vermischt worden ist.

Viele dieser Ideen und wundervollen mythologischen Details sind den Gründern der Ägyptischen Riten noch unbekannt. Denn wichtige Primärquellen sind zu ihrer Zeit noch nicht übersetzt. Wir reichern unsere Rituale daher gerne mit solchen Konnotationen an, die uns die neue Forschung eröffnet.

Denn Br. Marconis de Nègre fügt – wie später auch Br. John Yarker – so manche Motive und Sinnsysteme in den Ritualkomplex ein, die den traditionellen Rahmen westlicher Esoterik bei weitem sprengen. Dies kann Material aus Hinduismus und Buddhismus sein, bis hin zu nordischer Mythologie usw. – im Versuch, alle spirituellen und esoterischen Traditionen der Menschheit zu bedenken und zu lehren. Mein Br. Mathieu Ravignat schreibt diesbezüglich: Wir überlassen es der Leserin und dem Leser [dieser Rituale], zu beurteilen, ob diese massiven synkretischen Anstrengungen erfolgreich sind. (Ravignat 2021, S. 9.) Dem möchte ich hinzufügen, dass ich sehr froh bin, Expertinnen und Experten auf dem Gebiet antiker Mysterien und der Religionswissenschaft in meiner Loge zu wissen, die diesen frühen Ritualen gegebenenfalls den nötigen Feinschliff verschaffen können. 😉

Französischer Memphis-Ritus mit 33 Graden (1862, Frankreich)

Das Zweite Kaiserreich unter Napoleon III. (1852–1870) ist besonders in seinen ersten Jahren ein sehr autoritäres Regime und duldet keine organisierte Opposition. Auch zuvor erhöht sich der Druck bereits deutlich: Sowohl der Ritus von Misraim als auch der Ritus von Memphis werden verdächtigt, ein liberales und republikanisches Gedankengut zu fördern. 1822 wird der Ritus von Misraim verboten. Das Verbot des Ritus von Memphis folgt 1841. Ab dann wird der Ritus von de Nègre eher formell weitergeführt (er ist noch im Besitz der Patente usw.).

De Nègre sucht im Schatten dieser Ereignisse 1862 eine Fusion des Memphis-Ritus mit dem Grand Orient de France (G.O.d.F.). Denn der G.O.d.F. wird vom Kaiserreich geduldet und teilweise kontrolliert (Großmeister war ein Marschall Napoleons III.) – er bietet ein Dach, welches das Überleben bzw. eher das Neuaufleben in Frankreich sichert.

Der Ritus wird in Folge dieser Fusion von de Nègre auf die 33 wesentlichen Grade reduziert, wohl auch, um eine bessere Integration in die Strukturen des Grand Orients zu ermöglichen.

Diese Fusion führt schließlich zum Bruch des französischen Memphis-Ritus mit internationalen Ablegern des Ordens.

Memphis-Misraim (ab 1881, Italien)

1881 erfolgt die Vereinigung beider Riten unter der symbolischen Leitung von Br. Giuseppe Garibaldi (Italien). Federführend bei den Reformen wirkt Br. John Yarker (England). Es entsteht der Memphis-Misraim-Ritus.

Br. John Yarker, 1888
(Foto von Br. John Yarker, 1888.)
 


Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viel mehr freimaurerische Systeme als ägyptisch zu betrachten sind, als dies vielleicht bewusst ist. Denn ägyptisch bezeichnet dabei solche Ritualbestandteile, die in den Traditionen westlicher Esoterik aus einem Verständnis der ägyptischen Mythologie hinzugekommen sind. Hierzu zählt evtl. bereits die strukturelle Handlung im Meistergrad, hierzu zählen wahrscheinlich dunkle Kammern, zu denen es ebenfalls erst nach Sethos gekommen ist, hierzu zählen definitiv die Elementproben bei der Aufnahme, Hindernisse und Lärm bei den Reisen (üblich im 1° Schottischer Ritus), und hierzu zählt auch die besondere Konnotation des Sternenhimmels, der eine Lichtgebung im symbolischen Reich der Mitternachtssonne ermöglicht, hierzu zählt selbstverständlich das Abspielen von Teilen der Zauberflöte und so manches mehr.

Woher stammen diese Bestandteile?

Wie wir gesehen haben, existierten Bezüge zu Ägypten bereits vor Gründung der Premier Grand Lodge in London. Diese ersten, oft rein biblischen Bezüge sind quasi die Urquellen.

In Neapel entstand eine sehr kabbalistische und hermetische Freimaurertradition. Auch diese hat die Symbolik deutlich gespeist.

Eine Kernquelle ist natürlich der Roman Sethos und sämtliche Folgeschriften (vgl. Assmann/Ebeling, 2011). Diese inspirierten frühe Systeme wie die Afrikanischen Bauherren in Berlin oder die Forschungslogen in Wien.

Hierbei entstand die Zauberflöte, eine freimaurerische Mysterienoper voll ägyptischer Bezüge.

Die Kreativität wurde durch Reiseberichte und Publikationen um den Napoleonischen Ägyptenfeldzug zusätzlich inspiriert, natürlich auch von heimkehrenden Veteranen, die zuvor in ihren Logen in Ägypten ihre Freimaurerei zelebrierten.

Diese Gedanken wurden spätestens 1801 erstmals konsequent in die ersten drei Grade der Freimaurerei getragen, verbunden mit dem Verständnis Antiker Mysterien der damaligen Zeit. Diese Motive verbreiteten sich rausch. Bald enstatanden auch der Ritus von Misraim und der Ritus von Memphis, deren Vereinigung 1881 erfolgte.

Kurz: Es steckt viel mehr Ägyptisches in einer Vielzahl freimaurerischer Systeme. Die Grenzen wurden jedoch wieder einmal zu scharf gezogen, sodass der Ursprung vieler Ritualbestandteile in Vergessenheit geraten ist.
 


Sekundärquellen

Acaster, E. J. T.: The Noah legend and the Graham Manuscript. In: Ars Quatuor Coronatorum, vol. 131, 2018.

Assmann, J.: Ägypten, 1996.

Assmann, J.: Moses der Ägypter, 2000.

Assmann, J., Ebeling, F.: Ägyptische Mysterien, 2011.

Assmann, J.: Ma'at, 2020.

Campbell, J.: The Power of Myth, 1991.

Campbell, J.: The Hero with a Thousand Faces, 2008.

Carpenter, A. T.: John Theophilus Desaguliers, 2011.

De Hoyos, A.: Scottish Rite Ritual Monitor & Guide, 2016.

Hoffmann, S.-L.: Der Riss in der Zeit, 2023.

Hölscher, L.: Zeitgärten, 2020.

Koselleck, R.: Zeitschichten, 2021.

Morrison, T.: Isaac Newton's Temple of Solomon and his Reconstruction of Sacred Architecture, 2010.

Powell, C.: The Hiramic Legend and the Creation of the Third Degree. In: Ars Quatuor Coronatorum, vol. 133, 2020.

Ravignat, M. G.: Quest for a Lost Rite, 2021.

Schlögl, H. A.: Das Alte Ägypten, 2024.

Shaw, G. J.: The Egyptian Myths, 2014.

Smith, M. S.: The Early History of God, 2002.

Snape, S. et al.: Ancient Egypt, 2021.

Snoek, J. A. M.: Einführung in die westliche Esoterik, 2011.

Snoek, J. A. M.: The earliest development of masonic degrees and rituals. In: Formen und Inhalte freimaurerischer Rituale, 2017, p. 17-38.

Snoek, J. A. M.: The evolution of the Hiramic Legend. In: Formen und Inhalte freimaurerischer Rituale, 2017, S. 39-76.

Spieth, D. A.: Napoleon's Sorcerers – The Sophisians, 2007.

Besonders möchte ich hier die Arbeiten meines lieben Freundes und Bruders Jan Snoek hervorheben, als auch die Sammlungen früher Katechismen durch die Brüder Douglas Knoop, Harry Carr, Gwilym Peredur Jones und Douglas Hamer (QC London), neben vielen anderen! Nicht hoch genug zu würdigen ist die wegweisende Arbeit (in der Liste oben) von Br. Mathieu Ravignat (Kanada) zu den Ägyptischen Riten mit unzähligen wunderbaren Transkripten.

Die Primärquellen, auf denen diese Arbeit im Wesentlichen beruht, sind bereits im Text eindeutig identifiziert.




Unsere Überzeugung

Unsere Loge zelebriert die vereinigten Riten der Ägyptischen Freimaurereien in der alten, nicht-reduzierten Grad-Skala. Wir verbinden sie dabei mit Erkenntnissen aus der neueren Ägyptologie und der Mysterienforschung (bspw. die Einsichten von Jan Assmann), um den Zugriff auf Teile der Symbolik zu erleichtern. Dabei achten wir auf die Bewahrung vieler, usrpünglicher Kernelemente, die in anderen Traditionslinien teils verlorengegangen sind.

Wir arbeiten in einem völlig demokratischen Ansatz ohne Hierophanie auf Lebenszeit. In der Verwaltung nutzen wir lediglich den 95° als symbolische Bewahrerinnen und Bewahrer der Lehre.

Die Werte der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit sind für all unsere Arbeiten zentral und wesentlich.

Bijou der Loge Pyramidion, Ölgemädlde



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