In der Renaissance und Aufklärung entwickelt sich Ägypten zum Symbol ursprünglicher Weisheit. In diesem Text wird untersucht, welche Ideen und Elemente dabei erinnert werden, woher sie stammen und wie sie in den Logen verschiedener Strömungen der Freimaurerei zelebriert werden – bspw. noch heute in dem in Deutschland verbreiteten A.F.u.A.M.v.D.-Ritual oder im Freimaurerorden, wo ihre Herkunft oft unbekannt ist.
(Sakkara/Ägypten, die älteste Pyramide der Welt, König Djoser, Architekt Imhotep, ca. 2630 v. u. Z.; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Empfehlung: Der nachfolgende Text ist für Freimaurerinnen und Freimaurer ab dem Meistergrad geeignet, natürlich auch für Forschende aus der Wissenschaft. Denn im Text finden sich kurze Andeutungen zu Teilen der Struktur des rituellen Geschehens im 1. Grad und im 3. Grad. Durch diese können Erwartungshaltungen entstehen, die zwar keineswegs das ganze Erlebnis vorwegnehmen, evtl. jedoch die spätere, direkte Erfahrung schmälern würden.
In London kommt es seit dem großen Brand, der die Stadt im Jahr 1666 vier Tage lang heimsucht, zu einer unglaublichen Konzentration der Bauhüttenkultur – mit ihren Mythen und Aufnahmeritualen. Denn große Teile der Stadt müssen wieder aufgebaut werden. Nicht nur aus England kommen hierfür die Meister. Die St. Paul’s Cathedral wird 1710 eröffnet. Auch der Salomonische Tempelbau mit seinen Proportionen und seiner sagenumwobenen heiligen Geometrie sind ein unglaublich populäres Thema zu dieser Zeit – hierfür reicht ein kurzer Blick in das Werk von Isaac Newton (vgl. Morrison, 2010).
Das Gleiche gilt für die Veredelung der Welt und für die Entwicklung des Menschen, in der Gesellschaft, aber auch als Individuum: Dies ist nicht nur in der Alchemie der Spätrenaissance das zentrale Thema, sondern bleibt es auch hier in der Naturphilosophie, in der neuen Form der Wissenschaft, in der englischen Frühaufklärung (vgl. Janacek, 2015, S. 1-15; vgl. Carpenter, 2011).
In der Bausymbolik wiederum finden die Ideen dieser Veredelung einen wunderbaren Ausdruck: Raue Steine werden geglättet, Gebäude und Tempel werden errichtet – und jeder Mensch kann problemlos einen Bezug hierzu finden. Denn der Einstieg in das Symbolsystem ist einfach. Schließlich leben wir alle in irgendwelchen Häusern und seit alters her wird diese Symbolik verwendet. Denken wir nur einmal an das Bibelwort, nachdem Jesus der von den Bauleuten verworfene Stein ist, der zum Eckstein geworden ist (vgl. Epheser 2:20) – ein Ausspruch, der aus der jüdischen Tradition stammt (vgl. Psalm 118:22). Auch im Islam erklingen ähnliche Töne, bspw. im Ziegelstein-Gleichnis (vgl. Sahih al-Bukhari, Hadith Nr. 3535; vgl. Sahih Muslim, Hadith Nr. 2286).
In diesem Umfeld entsteht die Tradition der heutigen Freimaurerei. Es ist ein Club-System, das sich Anfang des 18. Jahrhunderts in Londoner Pubs formiert (vgl. Clark, 2000, S. 309-349). Die Gentlemen Masons finden sich hier zusammen, trinken, essen, und empfinden sich in der Tradition der alten Baumeister, von denen sie Rituale und Symbolik entlehnen (vgl. Dachez/Bauer, 2015, S. 11-12). Nicht mehr am Stein wird jetzt gearbeitet, sondern am Menschen selbst – mit den symbolischen Werkzeugen der Bauleute. Den rauen, unbehauenen Stein – sich selbst – gilt es nun mit Zirkel, Winkel usw. zu bearbeiten, zu perfektionieren.
(Bronzeplastik mit den Kernsymbolen der Freimaurerei von Br. Jens Rusch.)
Der Zirkel kann ein Symbol des Maßnehmens- und Maßgebens sein, oder ein Symbol der Menschenliebe, die sich von einem Punkt gleichmäßig in alle Richtungen ausbreitet. Er kann aber auch ein Symbol des Geistes sein, der Ewigkeit, denn die Kreiszahl Pi ist unendlich. Das Winkelmaß indes mit seinen 90° steht für die Körperlichkeit, für die Welt, für Recht und Gesetz. In der Freimaurerei finden wir diese beiden Symbole vereint. Das Senkblei wiederum kann zum Symbol der Tiefe und der Selbsterkenntnis werden – um nur einige Beispiele zu nennen. Es entsteht eine symbolische, freie, undogmatische philosophische Arbeitsweise.
Auch wenn die Freimaurerei ursprünglich ein christliches Phänomen ist, etablierten sich schnell Überzeugungen der Toleranz und Religionsfreiheit – besonders auf dem europäischen Kontinent. Dies führt direkt zu Verdächtigungen und ersten Verboten – aber auch zu einer verstärkten Diskretion und Geheimhaltung in den Logen.
Schon bald finden neben der Symbolik aus Bibel und Bauhüttenkultur zusätzliche Motive Einzug in die freimaurerischen Rituale. Hierzu zählen – besonders im Lichte von Mozarts Zauberflöte und Napoleons Ägyptenfeldzug – durchaus auch Vorstellungen aus der altägyptischen Mythologie. Das Mysterienbild Ägyptens wird in Europa jedoch lange lediglich durch das Verständnis von griechischen und römischen Sekundärquellen geprägt. Die Hieroglyphen selbst werden erst spät entschlüsselt (1822). Etwa ab Ende des 4. Jahhunderts wusste niemand mehr, sie zu lesen. Denn wir dürfen bei diesen Zeitspannen nicht vergessen, dass die Pyramiden selbst schon zu Kleopatras Zeiten (69-30 v. u. Z.) als uralt gegelten haben – sie stehen damals schließlich schon um die 2600 Jahre.
Ab 1822 gelingt dann durch das System von Jean-François Champollion nach und nach die Übersetzung und Erschließung wichtiger Primärquellen. Zu dieser Zeit existierten die meisten Ägyptischen Riten der Freimaurerei allerdings bereits.
Die folgende Zusammenstellung wesentlicher Schlüsselmomente beleuchtet das Aufkommen ägyptischer Motive in den Systemen der Freimaurereien und skizziert das Gedenkengut, das in ihnen zum Tragen kommt. Übersetzungen fremdsprachiger Textausschnitte sind – wenn nicht anders gekennzeichnet – vom Autor selbst erstellt.
2.1 Platon als Wegweiser (428/427–348/347 v. u. Z.)
Platons Einfluss auf die Denkart der kommenden Jahrhunderte – selbst auf unsere heutige Zeit – kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Um die griechischen und römischen Quellen ägyptischer Mythologie einordnen zu können, müssen wir bei ihm unseren Ausgangspunkt nehmen.
Platon nutzt in seinen Schriften Mythen, um Dinge auszudrücken, die mit reiner Logik schwer erklärbar sind. Dies betrifft die Seele, den Kosmos oder das Jenseits. In seiner Ideenlehre beschreibt Platon bspw., wie aus dem ewigen göttlichen Weltgeist die Vielfalt der materiellen Welt hervorgeht.
Der Weltgeist / Nous (νοῦς) ist dabei der Bereich der ewigen Ideen. Diese ewigen Ideen sind für Platon die unveränderlichen Urformen aller Dinge. Einem Kreis in der materiellen Welt liegt die ewige Idee des perfekten Kreises zugrunde. Gleiches gilt für die empfundene Schönheit oder die Idee des Guten; ebenso für die Idee des Menschen, die in ihrer Ewigkeit alle individuellen Unterschiede und Unvollkommenheiten transzendiert, sie übersteigt.
Daneben gibt es die Weltseele / Psyche (ψυχή). Diese betrachtet die ewigen Ideen, so Platon. Aus diesem Prozess fließt schließlich die materielle Welt (ὁ κόσμος γενέσεως) hervor, im Prozess der Selbstauslegung/Emanation.
Die Materie der vergänglichen, sinnlichen Welt kann die ewigen Ideen indes nur unvollkommen widerspiegeln. Die Dinge der Erfahrungswelt sind für Platon daher nur unvollkommene Abbilder der vollkommenen Urformen – wie die Schatten, die das Licht an die Wände einer Höhle wirft.
Wirkliche Erkenntnis / Gnosis (γνῶσις) entsteht schließlich, so Platon, wenn die Seele sich von den Erscheinungen der materiellen Welt löst und die reinen Ideen im Nous – im Geist – erfasst. Denn unsere Seele habe die ewigen Ideen bereits vor der Geburt geschaut, glaubt Platon. Das Erkennen in der materiellen Welt stelle vielmehr nur ein Wiedererinnern dar.
Das Wahre und Eigentliche liegt für Platon also hinter der sinnlich wahrnehmbaren Welt. So erschafft Platon die Welt des Ideellen (die Welt des Seins / ὁ κόσμος οὐσίας) – die später genutzt wird, um eine tiefe Einheit hinter der sichtbaren Welt zu postulieren. Spätestens seit dem Neuplatonismus strebt schließlich alles danach, zu dieser ursprünglichen Einheit zurückzukehren (bspw. Plotin und Pseudo-Dionysius).
Platon ist obendrein der erste Philosoph, der den Begriff des Baumeisters für das Göttliche verwendet (vgl. Platon: Timaios, 28c/29a).
2.2 Plutarch: De Iside et Osiride (ca. 1. Jh. / frühes 2. Jh.)
Plutarch steht ganz in der Tradition Platons und betrachtet Mythen als verschlüsselte Metaphern für philosophische Wahrheiten. In seinem Werk Isis und Osiris liefert er eine griechisch-philosophische Deutung ägyptischer Götter und Rituale. Diese Schrift wird später zur zentralen Quelle für das europäische Ägyptenbild, nahezu bis zur Entschlüsselung der Primärquellen im 19. Jahrhundert.
(Ruinen des Apollontempels in Delphi, wo Plutarch ab dem Jahr 95 als Priester wirkte, nachdem er zuvor selbst Ägypten bereist hat; Foto: Robert Matthees, 2025.)
In altägyptischen Mythen herrschen Isis und Osiris als göttliches Königspaar. Diese Zeit wirkt förmlich als paradisischer Urzustand, in dem Menschen und Götter gemeinsam leben. Osiris bringt Ackerbau, Gesetze, Kultur; Isis bewirkt Schutz, Heilung und Weisheit.
Dieser Zustand endet jedoch. Denn Seth, der rivalisierende Bruder, tötet Osiris, zerstückelt den Körper und verteilt ihn über Ägypten.
Isis, die trauernde Witwe, sucht und sammelt die Teile und setzt Osiris wieder zusammen. Anubis führt an ihm zum allerersten Mal das Einbalsamierungs-Ritual durch. So wird Osiris zur ersten Mumie.
Isis belebt ihn magisch. Der Atem kehrt zurück, das Bewusstsein erwacht, seine Zeugungskraft flammt noch ein einziges Mal auf. Hierdurch kann Isis ihren Sohn Horus empfangen, der Sohn der Witwe.
Osiris indes wird fortan König und Richter in der Unterwelt, im Jenseits, im Reich der Göttinnen und Götter, dort, wohin die Sonne jede Nacht wandert. Im Amduat (ca. 1550-1070 v. u. Z.) wird diese Reise der Sonne (Re) detailliert beschrieben. Zur 6. Stunde, also zur Mitternacht, findet die kosmische Regeneration statt, indem sich der Sonnengott Re mit Osiris verbindet. Osiris wird so zum Inbegriff von ewigem Leben und Wiedergeburt – im Reich der Mitternachtssonne.
In der Welt besiegt sein Sohn Horus den Widersacher Seth und stellt die göttliche Ordnung (Maat) wieder her.
Viele Menschen, die zum ersten Mal von Isis und Horus hören und entsprechende Darstellungen sehen, bemerken die Ähnlichkeit zur christlichen Erzählung über Maria und Jesus. Die Motive sind sich tatsächlich sehr ähnlich (Rolle der Mutterschaft, Heranwachsen des Retters), wenn auch nicht identisch – besonders in Hinblick auf die mythologischen Individualisierungs-Erfahrungen an der Bruchstelle zwischen Judentum und frühem Christentum, die es so sicher noch nicht in Ägypten gab. Ebenso verschieden ist das Zeit- und Weltverständnis im alten Ägypten: Überall wirkten hier noch innewohnende Götter in einem zyklischen, kosmischen Geschehen.
So ist Seth in der altägyptischen Mythologie bspw. keineswegs per se das Schlechte oder Böse. Seth stellt vielmehr ein notwendiges kosmisches Prinzip dar: das Unkontrollierbare – wichtig und essentiell für die Balance mit Maat (der Ordnung). Der ganze Mythos beschreibt einen fortwährenden Akt in ebendiesem zyklischen Geschehen, kein einmaliges Ereignis, vielmehr ein immerwährendes Drama.
(Links Isis mit dem Baby Horus, Ägyptisches Museum Kairo, ca. 664–332 v. u. Z.; rechts Maria mit Baby Jesus, koptisches Gemälde, 6./7. Jahrhundert, einst im Kloster St. Jeremiah tief in der Wüste von Saqqara, Koptisches Museum Kairo; Fotos: Robert Matthees, 2025.)
Über mehr als tausend Jahre hinweg ist jedoch die Pose dieselbe geblieben – Zärtlichkeit, Schutz und die schöne, ewige Kraft einer Mutter und ihres Kindes. Oder wie es Joseph Campbell formuliert: Nur die Geburt kann den Tod besiegen. (Campbell, 2008, S. 11.) So manche frühe Freimaurersysteme und Brüder wie Schikaneder und Mozart lassen sich von der Nähe der Motive durchaus inspirieren.
Auch Plutarch wird kreativ und verbindet den Isis-Osiris-Mythos mit Platons Ideenlehre.
Osiris ist für Plutarch das göttliche Logos-Prinzip (λόγος), das die ewigen Ideen (εἴδη) erkennt, durchdringt und ordnet. Es handelt sich dabei um den platonischen Nous (νοῦς), den Weltgeist.
Isis stellt in Plutarchs Betrachtung die Weltseele dar, die platonische Psyche (ψυχή). Sie ist es, die das Gute (Nous) empfängt und es in die Welt trägt, vermittelnd zwischen göttlicher Vernunft und materieller Welt (vgl. Platons Timaios, wo die Weltseele als kosmisches Bindeglied beschrieben wird).
Seth (griechisch Typhon) ist bei Plutarch schließlich das Prinzip der Chaos-Materie, der Zersetzung, der materiellen Welt. Dies ist die Welt des Werdens (ὁ κόσμος γενέσεως) im Gegensatz zur Welt des Seins (ὁ κόσμος οὐσίας).
Horus erscheint Plutarch als das ideale philosophische Urteil, da er das Unrecht bekämpft und die Wahrheit erkennt. Er bezeichnet ihn als Sohn der Wahrheit (παῖς ἀληθείας), weil er aus der Verbindung der göttlichen Vernunft (Osiris) und der Weltseele (Isis) hervorgeht. Für Plutarch sybmolisiert Horus das Walten des Logos in der Welt, das wir als eine Art operative Vernunft begreifen können — aktiv, kämpferisch und ordnend.
Den gesamten Mythos versteht Plutarch als Selbstveredelungsweg. Ziel dieses Weges ist es, Erkenntnis zu erlangen, indem wir das Zerteilte (die materielle Welt / den von Seth zerstückelten Osiris) wieder zur Einheit bringen, eine Reintegration in das Göttliche, in den Nous, vollziehen.
Selbst den Namen des Isis-Heiligtums erklärt Plutarch aus seiner Vorstellung der Erkenntnis / Gnosis (γνῶσις) heraus:
Denn auch der Name des Heiligtums verspricht ganz deutlich Erkenntnis und Wissen des Seins; es wird nämlich Iseion genannt, was andeuten soll, dass wir das Seiende erkennen werden (eissomenon to on), wenn wir mit Vernunft und in heiliger Verfassung das Heiligtum der Göttin betreten. (Plutarch: De Iside et Osiride, Kapitel 2, 351f–352a.)
Eine historisch belastbare Deutung ist dies natürlich nicht, vielmehr eine wunderschöne philosophisch-mittelplatonische Sicht.
Die antiken Kulturen im Mittelmeerraum sind stark von Ägypten beeinflusst, besonders Griechenland. Das Gleiche gilt für Ägypten selbst, das während der hellenistischen Periode (332-30 v. u. Z.) natürlich auch griechisch inspiriert wird. Hierbei entstehen viele spannende Mischformen.
Zu nennen ist bspw. der Gott Serapsis, der unter Ptolemäus I. (ca. 305–283 v. u. Z.) synkretisch geschaffen und zum neuen Reichsgott in Alexandria erhoben wird. Die Mischgottheit vereint Wesenszüge von Osiris und den in Memphis verehrten Apis-Stier, Symbol der Fruchtbarkeit und Inkarnation des Schöpfergottes Ptah (der Name Serapis ist die griechische Form von Osiris-Apis). Gleichzeitig fließen Zeus als bärtiger Gottvater ein, Hades/Pluton als Gott der Unterwelt (wie Osiris) und Dionysos (bezüglich der Fruchtbarkeit). Dies hilft, griechische und ägyptische Bevölkerungsteile zu vereinen.
(Mischgottheit Serapsis; Ägyptisches Museum Kairo; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Ebenso lässt sich der Isis-Kult im gesamten Mittelmeerraum nachweisen. Selbst in Mainz und Köln werden ihr Tempel geweiht. Dass Isis dabei keineswegs einfach in ihrer ägyptischen Form übernommen wird, davon zeugt bspw. das Sanktuarium der Ägyptischen Götter in Nea Makri aus dem 2. Jahrhundert, am Marathon-Strand in der Nähe von Athen. Hier stehen wunderschöne Isis-Statuen auf einer Kultanlage, die sich einst an ein Badehaus angeschlossen hat. Teils tragen sie die Krone Unterägyptens, teils die Krone Oberägyptens.
(Isis-Statue in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Spannend dabei: Eine der Isis-Statuen hält Kornähren in der Hand und ist somit eindeutig auch als Demeter zu identifizieren, die griechische Göttin der Ernte und des Ackerbaus.
(Isis-Demeter in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Die andere Statue hält Rosen, ein Kennzeichen von Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde.
(Isis-Aphrodite in Nea Makri, Griechenland, 2. Jahrhundert; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Eine wegweisende Umdeutung erfährt ebenso Horus als Kind (griech. Harpokrates). In Ägypten wird er einfach als nackter Knabe dargestellt, mit dem Finger am Kinn oder am Mund. Diese Pose ist lediglich als kindlich-verträumtes Spiel zu verstehen, vielleicht sogar als Bewegung zum Daumenlutschen. In Rom und Griechenland wird dieses Symbol nicht mehr verstanden und stattdessen als Aufforderung zum Schweigen interpretiert. So wird aus dem Horuskind der Gott des Schweigens.
Catull (ca. 55 v. u. Z.) nutzt Harpokrates bereits als Metapher für jemanden, der absolut schweigsam ist oder ein Geheimnis bewahrt (vgl. bspw. Catull: Carmen 102).
Varro (ca. 45 v. u. Z.) erklärt, dass Harpokrates mit dem Finger ein Zeichen macht, still zu sein (Varro: De Lingua Latina, 5.57).
Auch Ovid (ca. 1–8) beschreibt ihn als den Gott, der den Finger an die Lippen presst, um des Schweigens willen (Ovid: Metamorphosen, 9.688 ff.).
Plutarch (ca. 1. Jh. / frühes 2. Jh.) schließlich liefert hierfür eine theologische Begründung aus seiner mittelplatonischen Sicht. Die kindliche Unvollkommenheit des Gottes interpretiert er dabei philosophisch um: Harpokrates symbolisiert für ihn die menschliche Unzulänglichkeit, das göttliche Wesen – Osiris, für ihn der platonische Nous (νοῦς) – vollständig zu erfassen. Das Schweigen ist für Plutarch somit weniger ein Nicht-Sprechen-Dürfen, sondern vielmehr ein Zeichen des Unaussprechlichen, des Keine-Worte-Habens, auch eine Form der religiösen Demut, der Ehrfurcht und Mysterienwahrung. (Vgl. Plutarch: De Iside et Osiride, Kapitel 68.)
Diese Konnotation liegt fernab aller altägyptischen Quellen, die wir heute verstehen und lesen können. Sie wird jedoch das Mysterienbild im Europa der Aufklärung nachhaltig prägen. Genau in dieser Form findet Harpokrates bspw. in die Andreaslogen des Schwedischen Systems Einzug oder in den französischen Orden der Sophisten, doch dazu später mehr.
Tatsächlich wird der Osiris-Kult im alten Ägypten dagegen noch in Form öffentlicher Festspiele begangen, mit klar geregelten Prozessionsordnungen. Erst in der hellenistisch-römischen Zeit entwickelt sich die Idee geheimer Mysterien (vgl. Hornung, 1999, S. 21/22).
2.3 Apuleius: Metamorphosen (ca. zweite Hälfte 2. Jh.)
In den Metamorphosen von Apuleius, einem römischen Schriftsteller und Philosophen, befindet sich eine sehr kurze Schilderung von einer Einweihung in die Isis-Mysterien. Dabei werde Elementproben beschrieben (inspiriert von Empedokles Vier-Elemente-Lehre) und eine Unterweltreise. Hierbei handelt es sich um Prüfungen und Reinigungen auf dem Weg zur Initiation. Wir erinnern uns: Schon Plutarch schreibt von einem heiligen Zustand, in dem das Heiligtum zu betreten sei.
Das Motiv der Mitternachtssonne in der ägyptischen Unterwelt wird im Rahmen der Einweihung in Szene gesetzt. Wir erinnern uns: Nach altägyptischer Vorstellung durchquert die Sonne nachts das Duat (während sie hier auf Erden nicht mehr sichtbar ist), das jenseitige Reich unter der Herrschaft des Osiris. Es ist das Reich der Toten im ewigen Leben, in dem viele Göttinnen und Götter wirken. Genau hier wird durch den Verweis auf die Mitternachtssonne die Einweihung beschrieben:
Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich betrat Proserpinens [Göttin des Frühlings und der Unterwelt] Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten; ich schaute die unteren und oberen Götter von Angesicht zu Angesicht und betete sie in der Nähe an. (Apuleius von Madaura: Metamorphosen oder der Goldene Esel. Übersetzt von August Rode, 1920, Buch XI.)
(Illustration aus einer Metamorphosen-Handschrift, Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, 1345.)
Diese kleine Textstelle aus dem fantasievollen Roman wird später zum Vorbild für viele initiatische Erzählungen, wie bspw. "Sethos" von Terrasson (1731).
Das Corpus Hermeticum ist eine spätantike Sammlung philosophisch-religiöser Weisheitslehren. Kernfigur des Werkes ist der mythologische Lehrer und Offenbarer Hermes Trismegistos, eine Mischform aus dem ägyptischen Thot (Gott der Weisheit & Schrift) und dem griechischen Hermes (Vermittler göttlicher Botschaften). Trismegistos bedeutet dabei der dreifach Große, die höchste Ehrenbezeugung (vgl. Hornung, 1999, S. 13-17).
Hermes Trismegistos wird in den Dialogen als Weiser aus Ägypten vorgestellt, aus der Zeit vor den Pharaonen. Ägypten wird hierdurch zur vorsintflutlichen Wiege ursprünglicherer Weisheit – und Hermes Trismegistos zur Symbolfigur von magischem Wissen und tiefer, inspirierter Erkenntnis.
Die Schriften entstehen größtenteils vermutlich zwischen dem 1.–3. Jahrhundert im hellenistisch-ägyptischen Milieu. Sie verbinden griechische Philosophie mit ägyptisch-orientalischer Religiosität. In der Renaissance werden sie durch die lateinische Übersetzung von Marsilio Ficino neu entdeckt und stark rezipiert. Der erste Druck der Ficino-Übersetzung erfolgt 1471.
Hermes Trismegistos lehrt, dass ein einziger göttlicher Geist (Nous) Ursprung, Leben und Sinn des ganzen Kosmos sei. Jeder Mensch trage einen Funken dieses Geistes in sich und könne durch innere Erkenntnis (Gnosis) zur ursprünlgichen, göttlichen Herkunft zurückkehren. Erlösung bedeutet hierbei die Befreiung vom Materiellen und die Wiedervereinigung mit dem Nous.
Wenn du dich also nicht Gott gleichmachst, kannst du Gott nicht erkennen; denn das Gleiche ist nur durch das Gleiche erkennbar. Mache dich groß, über jedes Maß hinaus, springe heraus aus allem Körperlichen, überschreite alle Zeit, werde zur Ewigkeit, und so wirst du Gott erkennen.
Setze voraus, dass dir nichts unmöglich ist; halte dich für unsterblich und fähig, alles zu begreifen: jede Kunst, jede Wissenschaft, das Wesen jedes Lebewesens. Werde höher als jede Höhe und tiefer als jede Tiefe. Sammle in dir selbst die Empfindungen der ganzen Schöpfung: des Feuers und des Wassers, des Trockenen und des Feuchten [dies schwingt noch heute bei der Begegnung mit den Elementen bei Aufnahmehandlungen mit]. Sei zugleich überall: auf der Erde, im Meer, im Himmel; sei noch nicht geboren, sei im Mutterleib, sei jung, alt, tot, jenseits des Todes.
Wenn du dies alles zugleich begreifst – Zeiten, Orte, Dinge, Qualitäten, Quantitäten –, dann kannst du Gott erkennen. Wenn du aber deine Seele im Körper einschließt und dich selbst erniedrigst und sagst: ‚Ich verstehe nichts, ich kann nichts, ich fürchte das Meer, ich kann nicht zum Himmel hinaufreichen; ich weiß nicht, wer ich war, ich weiß nicht, wer ich sein werde‘ – was hast du dann mit Gott zu tun? (Corpus Hermeticum, Traktat XI, 20–21.)
Das Corpus Hermeticum bildet die wesentliche Grundlage für die spätere, esoterische Ägyptenrezeption und inspirierte Strömungen der christlichen Mystik.
F: Wen erkennt ihr als Vater der königlichen Kunst an?
A: Hermes Trismegistos.
F: Und als Brüder?
A: Alle Adepten.
(Aus dem Katechismus des Chevalier de la Toison d’Or von de Tschoudy, publiziert 1766.)
Ebenso gehört das Tabula Smaragdina (12. Jh.) zu den bedeutenden hermetischen Schriften. Sie enhält die berühmten Prinzipien der Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos (was oben ist, ist wie das, was unten ist; und was unten ist, ist wie das, was oben ist).
Noch heute entfaltet die mythologische Figur Hermes Trismegistos eine unglaubliche Anziehungskraft auf die Gefühle vieler Menschen. Ein Beispiel hierfür ist das Kybalion (1908). In diesem Buch werden alle esoterischen Überlieferungen auf Hermes Trismegistos zurückführt. Er sei die große Sonne, deren Strahlen dazu dienen, die zahllosen Lehren zu erhellen, die seit seiner Zeit verkündet wurden (vgl. Kybalion, 1908, S. 8).
In Ägypten befand sich die Großloge der Logen der Mystiker. Durch die Tore ihrer Tempel traten die Neophyten ein, die später als Hierophanten, Adepten und Meister in die vier Himmelsrichtungen der Erde hinauszogen und das kostbare Wissen mit sich trugen, bereit, begierig und willens, es all jenen weiterzugeben, die fähig waren, es zu empfangen. (Kybalion, 1908, S. 3/4.)
3.2 Ägypten im Regius Poem (ca. 1425) und im Cooke MS (ca. 1450)
Die beiden ältesten, britischen Schriftzeugnisse aus dem Vorfeld der Freimaurerei sind das Regius Poem (Halliwell Manuskript) und das Cooke Manuskript aus dem 15. Jahrhundert. Diese alten Handwerksordnungen enthalten neben einem Katalog aus Pflichten Bezüg beide jeweils auch eine Legende über die Entstehung der Handwerkskunst. Viele dieser mythologischen Elemente fließen später in die Skizzen jener Traditionslinie ein, in der sich die Gentlemen Freemasons empfinden werden, wenn sie Anfang des 18. Jahrhunderts beginnen, in Londoner Pubs freimaurerische Rituale zu zelebrieren.
Beide Werke betrachten Ägypten als einen entscheidenden, frühen Ursprungsort der freimaurerischen Handwerkskunst. Sie unterscheiden sich jedoch in einigen Details der Erzählung.
Regius (ca. 1425) stellt dar, wie Euklid die Kunst der Geometrie im Land Ägypten entdeckt und beginnt, sie dort zu lehren. Ägypten wird somit als der intellektuelle Geburtsort der Geometrie und damit der organisierten Maurerei in Szene gesetzt. Von Ägypten aus verbreitet sich die Kunst schließlich. Viele Jahre später gelangt sie so nach England zur Zeit von König Athelstane. Die mythische Erzählung dient dazu, dem Handwerk einen edlen, gelehrten Ursprung in der klassischen Antike (Euklid und Ägypten) zu verleihen und es durch königliche Autorität (Athelstane) zu sanktionieren.
Das Cooke MS (ca. 1450) versetzt diesen Ursprung sogar noch weiter zurück. Die eigentliche Gründung der Geometrie und Maurerei wird zunächst Jabal zugeschrieben, einem Nachfahren Adams vor der Sintflut. Um die Kenntnisse der freien Künste vor der drohenden göttlichen Rache zu bewahren, beschließen seine Brüder und er, das Wissen auf zwei Säulen zu verewigen. Für das Material der einen Säule wählen sie Marmor (würde aufgrund seiner Härte von Feuer nicht zerstärt), die andere besteht aus Laterus-Stein (würde nicht im Wasser versinken).
Im Text werden die Säulen nach der Sintflut wiedergefunden, eine von Pythagoras, eine von Hermes dem Philosophen (aka. Trismegistos). Doch die eigentliche Institutionalisierung der Kunst findet in Ägypten statt. Dort kommt der Gelehrte Euklid an, als der Nil gerade das Land überschwemmt. Euklid befähigt die Menschen mithilfe seiner Kenntnisse, Mauern und Gräben zu bauen, um das Wasser einzudämmen und umzuleiten, und anschließend das Land zu vermessen und aufzuteilen. Später lehrt Euklid den Söhnen der Adligen die eigentliche Baukunst und nennt sie Geometrie – und damit Maurerei –, aufgrund der von ihm durchgeführten Landvermessung in Ägypten.
Und nach dieser Flut, viele Jahre später, wie die Chroniken berichten, wurden diese beiden Säulen gefunden; und wie das Polychronicon sagt, fand ein großer Gelehrter, den die Menschen Pythagoras nannten, die eine, und Hermes der Philosoph fand die andere, und sie lehrten die Wissenschaften, die darin geschrieben standen. (Cooke MS, ca. 1450, Zeilen 318-326.)
(Auszug aus dem Cooke Manuskript, ca. 1450, Zeilen 309-336.)
Sehr ähnliche Anmerkungen finden wir auch im Sloane No. 3848 MS (16. Oktober 1646), das zur Initiation von Br. Elias Ashmole in die Freimaurerei angefertigt und höchstwahrscheinlich verlesen worden ist. Es basiert auf dem Grand Lodge No. 1 MS (1583).
Diese alten Manuskripte (Old Charges) haben direkt die Legende in Br. James Andersons Konstitutionen von 1723 inspiriert und ihr die Grundlage geliefert – dem ersten Konstitutionsbuch der organisierten Freimaurerei. Und wie wir sehen: Ägypten ist in den alten Handwerksordnungen bereits als bedeutebder Ursprungsort präsent.
4.1 Ägypten als Ursprung der Maurer in Andersons Konstitutionen (1723)
Br. James Anderson fügt den ersten Konstitutionen der Premier Grand Lodge (1723) einen geschichtlichen Teil bei, der – im Vergleich zu den Old Charges – einen noch deutlicheren Bezug auf Ägypten nimmt. Sogar die Pyramiden werden erwähnt:
Und zweifellos wurde die Königliche Kunst nach Ägypten gebracht von Mizraim, dem zweiten Sohn Hams, etwa sechs Jahre nach der Sprachverwirrung in Babel und 160 Jahre nach der Sintflut, als er dorthin seine Kolonie führte; (denn Ägypten ist im Hebräischen Mizraim), weil wir sehen, dass das Überlaufen der Ufer des Nils bald eine Verbesserung der Geometrie bewirkte, was folglich die Maurerei sehr gefragt machte. Denn die alten edlen Städte mit den anderen prächtigen Bauwerken dieses Landes, und insbesondere die berühmten Pyramiden, zeigen den frühen Geschmack und das Genie jenes antiken Königreichs. Ja, eine dieser ägyptischen Pyramiden* wird als das Erste der Sieben Weltwunder gezählt, dessen Berichte von Historikern und Reisenden fast unglaublich sind.
*) Die Marmorsteine, die von weit her aus den Steinbrüchen Arabiens herbeigeschafft wurden, waren zumeist 30 Fuß lang; und ihr Fundament bedeckte den Boden auf jeder Seite mit 700 Fuß beziehungsweise 2800 Fuß im Umfang und 481 Fuß in der senkrechten Höhe. Und an ihrer Vollendung waren täglich 360.000 Männer für 20 ganze Jahre beschäftigt, eingesetzt von einem alten ägyptischen König, lange bevor die Israeliten ein Volk waren, zum Ruhm seines Reiches und letztendlich, um sein Grab zu werden. (Anderson, 1723, S. 5/6.)
Von Ägypten aus wird das Handwerk dann direkt an die Kinder Israels weitergegeben. Br. Anderson schreibt:
So waren die Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten ein ganzes Königreich von Maurern, wohl unterwiesen unter der Führung ihres Großmeisters Moses, der sie oft in der Wildnis in einer regulären und allgemeinen Loge versammelte und ihnen weise Pflichten, Instruktionen usw. gab. (Anderson, 1723, S. 8/9.)
(Älteste Erwähnung des Stammes Israel, Siegesstele des Merenptah, Sohn Ramses II., 1208 v. u. Z., Ägyptisches Museum Kairo; Foto & Hervorhebung: Robert Matthees, 2025.)
Diese positive Darstellung der ägyptischen Bauwerke ist beachtlich, denn dies ist eine komplexe gedächtnisgeschichtliche Neuerung. Denn als das Judentum entsteht, wird dieses als Gegenreligion zu den ägyptischen Glaubenssystemen positioniert: Der heilige Stier Ägyptens wird als Brandopfer dargebracht, die immanente ägyptische Götterwelt wird trasnzendent, monotheistisch und mit einem Bildverbot belegt. Ägypten wird fortan zum Inbegriff von Götzendienst und Aberglaube. Diese Vorstellung wird im Christentum übernommen. Erst die Renaissance und vor allem aufgeklärte Zeiten bewirken allmählich die Dekonstruktion dieses tradierten Bildes. Schon bald fallen die alten Grenzen im Denken und Ägypten wird zum Sinnbild ursprünglicher Weisheit (vgl. Assmann, 2000).
(Mosesbrunnen vor der Ben Ezra Synagoge in Kairo – im Volksglauben verehrt als der Fundort von Baby Moses; Foto: Robert Matthees, 2025.)
(Ägypten in der europäischen Erinnerungskultur: "Die Auffindung des Säuglings Moses durch die Tochter des Pharaos" von Bartholomeus Breenbergh, Amsterdam, 1636; The National Gallery, London, NG208; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Kurz: Bereits in den ersten Konsitutionen der organisierten Freimaurerei gilt Ägypten als deren – wir würden heute sagen – mythologischer Ursprungsort. Damals werden derartige Texte übrigens keineswegs als bloße Mythen verstanden, sondern eher faktisch aufgenommen. Sie entsprechen der Art und Weise, wie Weltgeschichte zu dieser Zeit verstanden wird – eingebunden in einen biblisch-heilsgeschichtlichen Rahmen (vgl. Hölscher, 2020, S. 14 ff.; vgl. Hoffmann, 2023, vgl. Koselleck, 2021).
(The Constitutions of the Free-Masons, 1. Ausgabe, 1723.)
4.2 Isis und Osiris-Motive im Meistergrad der Premier Grand Lodge (ca. 1725)
Als die Premier Grand Lodge in London zu wirken beginnt, existiert in dieser noch kein Meistergrad, wie wir ihn heute kennen. In den Konstitutionen von 1723 wird der vorsitzende Meister noch aus den Fellow-Crafts gewählt:
The most expert of the Fellow-Craftsmen shall be chosen or appointed the Master, or Overseer of the Lord's Work, who is to be call'd Master by those that work under him. (Anderson, 1723, S. 52.)
In der zweiten Ausgabe 1738 sind es dann die Master Masons, welche die Logenbeamten bilden:
The WARDENS are chosen from the Master-Masons, and no Brother can be a Master of a Lodge till he has acted as Warden somewhere. (Anderson, 1738, S. 145.)
Im neuen Meistergrad wird eine Legende um Hiram, den mythologischen Baumeister des Salomonischen Tempels, rituell inszeniert – mit dem Kandidaten als Hauptperson. Aufgrund dieser Neuerungen im rituellen Geschehen kann der damals neu eingeführte Meistergrad mit Hiramlegende durchaus als erster Hochgrad der Freiamurerei betrachtet werden (vgl. de Hoyos, 2016, S. 121).
Oft wird auf die vielen strukturellen Parallelen hingewiesen, die der neue Meistergrad zum Isis-Osiris-Mythos aufweist (Tod des gerechten Meisters, Suche nach dem Leichnam, Wiedererweckung, Überwinden und Erfahren des Mysteriums des Todes). Doch liegt hier wirklich bereits eine bewusste oder unbewusste Ägyptisierung des Rituals vor?
Dagegen sprechen bspw. die Inhalte im Graham MS. Dieses ist auf den 24.10.1726 datiert, scheint indes eine Komposition von Inhalten zu sein, die aus den Jahren 1630 bis 1670 stammen könnten (vgl. Acaster, 2018).
Das Graham Manuskript wird oft als Blueprint für den Grad des Freimaurermeisters beschrieben. Denn es beinhaltet bereits die Hiramlegende. Sie wird hier jedoch noch aus der Noachiten-Tradition erzählt: Noah stirbt (anstelle von Hiram), das geheime Meisterwort der Schöpfungskraft geht dadurch verloren und seine drei Söhne versuchen ihn mit den bekannten Punkten zu erheben (bekannt aus dem heutigen Meisterritual). Isis und Osiris oder Verweise auf Ägypten suchen wir darin vergebens (bis auf einen kurzen Kommentar zum Auszug der Israeliten aus Ägypten). Durch den Fokus auf das Bauen aus Stein wird im Meistergrad der Premier Grand Lodge schließlich nicht Noah zelebriert, sondern natürlich Hiram.
Als wesentlicher Ideengeber für die eigentliche Konzeption des Meistergrads innerhalb der Premier Grand Lodge gilt Br. John Theophilus Desaguliers (vgl. Powell, 2020). Br. Desaguliers wirkt als Doktor der Theologie (Oxford), Naturphilosoph, Bibliothekar und Übersetzer. Plutarch gehört zur damaligen Zeit zwar im entsprechenden Bildungsstand zur Standardlektüre. Im frühen 18. Jahrhundert existieren in London ebenso mehrere Ausgaben von "De Iside et Osiride", mittlerweile sogar in Übersetzung und in kommentierten Fassungen (bspw. Baxter, 1684). Jedoch gehört Br. Desaguliers zum direkten Umfeld von Isaac Newton. (1714 wird Br. Desaguliers von Newton als Fellow für die Royal Society vorgeschlagen. Br. Desaguliers verfasst Bücher mit über 1000 Seiten über Newtons Experiemente, sogar ein Gedicht über das Newtonsche System der Welt als ideale Regierungsform.) (Vgl. Carpenter, 2011.)
Dies ist für die Frage einer möglichen Ägyptisierung relevant, da Personen wie Isaac Newton oder der Altertumsforscher und Freimaurer der ersten Stunde Br. William Stukeley damals noch überzeugt sind, der Salomonische Tempel sei ursprünglicher und älter als die ägyptischen Pyramiden. Sie halten den Salomonischen Tempel für den geistigen und geometrischen Ursprung der perfekten Baukunst. Diese Ansicht erfordert eine späte Datierung bzw. eine sekundäre Bedeutung der Pyramiden in ihren Schriften (vgl. Morrison, 2010).
All dies spricht auf dem ersten Blick gegen eine frühe Ägyptisierung. Dennoch existieren gleichzeitig andere Perspektiven. Wir erinnern uns bspw. an die hohe Stellung, der Ägypten im 1723er Konstitutionsbuch von Br. Anderson beigemessen wird.
Ebenso lohnt sich ein Blick in das Dumfries No. 4 MS (1710). Denn in der Legende im Dumfries No. 4 stammt Hiram, der Baumeister des Salomonischen Tempels, tatsächlich direkt aus Ägypten:
Frage: Auf welche Weise wurde der Tempel erbaut?
Antwort: Von Salomo und Hiram, welche die Werkzeuge für dieses Werk lieferten. Es war Hiram, der aus Ägypten geholt wurde; er war der Sohn einer Witwe. Er lieferte alle Arten von Werkzeugen: Spitzhacken, Spaten, Schaufeln und alle Dinge, die zum Tempel gehörten. (Dumfries No. 4 MS, 1710.)
Dies steht im Kontrast zu 1 Könige 7:14, wo Hiram von Tyrus als Sohn einer Witwe aus dem Stamm Naftali beschrieben wird. Die Erwähnung im Dumfries No. 4 Katechismus zeigt jedoch, dass gleichzeitig altägyptische bzw. ägyptisch-griechische Konnotationen präsent sind – und bei einer Herkunft Hirams aus Ägypten, wie hier in der Legende erzählt wird, wäre als mythologische Witwe in diesem Fall tatsächlich Isis anzunehmen.
Ein weiteres relevantes Zeugnis ist die sehr detaillierte Reaktion auf Masonry Dissected. Masonry Dissected erscheint 1730 als erster Druck der Freimaurerrituale für die Grade 1 bis 3 der Premier Grand Lodge – und damit des neuen Meistergrads. Als Reaktion darauf schreibt Br. Martin Clare A Defence of Masonry (Ende 1730). Darin heißt es:
Ich war außerordentlich erfreut darüber, dass der Dissector [Autor von Masonry Dissected] die ursprüngliche Szene der Maurerei im Osten ansiedelte, einem Land, das seit jeher berühmt war für symbolisches Wissen, gestützt durch Geheimhaltung. Ich musste unweigerlich sofort an die alten Ägypter denken, die die Hauptmysterien ihrer Religion unter Zeichen und Symbolen, den sogenannten Hieroglyphen, verbargen. Und so groß war ihr Respekt vor Stille und Geheimhaltung, dass sie eine Gottheit namens Harpokrates hatten [griech. für das Horus-Kind], die sie mit besonderer Ehre und Verehrung achteten. [...]
Harpokrates, der Gott der Stille, wurde dargestellt mit seiner rechten Hand nahe dem Herzen platziert, bekleidet mit einer Haut auf der Vorderseite, die mit zahlreichen Augen und Ohren versehen war, damit wir dadurch verstehen, dass viel zu sehen und zu hören ist, aber wenig zu sprechen.
Und bei denselben Leuten hatte ihre große Göttin Isis (dieselbe wie Minerva, die Göttin der Stärke und Weisheit bei den Griechen) stets das Bildnis einer Sphinx am Eingang ihrer Tempel platziert, [...] weil die Geheimnisse unter heiligen Hüllen geschützt werden müssen, damit sie dem Wissen des gewöhnlichen Volkes ebenso vorenthalten bleiben wie die Rätsel, die von der Sphinx gestellt wurden.
(A Defence of Masonry, 1730, Kapitel 3.)
Br. Anderson fügt diese Schrift sogar der zweiten Ausgabe der Konsitutionen bei (1738, S. 216-228).
In der Premier Grand Lodge herrscht demzufolge eine Pluralität von Meinungen. Pyramiden, Sphinxe, Isis und Harpokrates werden innerhalb der Premier Grand Lodge spätestens seit dem Druck der zweiten Ausgabe der Konstitution (1738) flächendeckend mit Elementen der eigenen Freimaurertradition verbunden.
Ob derartige Vorstellungen bereits bei der Konzeption des Meistergrads essenziell und wesentlich sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Im Umfeld vorhanden und zelebriert sind sie jedoch nachweislich.
Weitere rituelle Neuerungen mit ganz eindeutigem Bezug auf Ägypten folgen bald.
Der französische Roman "Sethos" von Terrasson erzählt in extrem fantasievoller Form das Geschehen bei der Einweihung durch ägyptische Priester (inspiriert von den kurzen Andeutungen in den Metamorphosen von Apuleius). Das französische Original erscheint 1731, bereits 1732 folgt die erste Übersetzung ins Deutsche. Großen Erfolg feiert außerdem 1777/78 die Übersetzung von Br. Matthias Claudius. Dieser Roman bildet die Grundlage für die Einführung einer Begegnung mit den vier Elementen in die Aufnahmerituale vieler Systeme der Freimaurerei, evtl. auch für die dunklen Kammern (cabinet de réflexion/méditation), in denen Kandidatinnen und Kanidaten in vielen Traitionen auf ihre Aufnahme warten.
(Landkarte in "Sethos" von Terrasson, 1731.)
Im Roman wird der Kandidat zuerst durch einen dunklen, engen Gang in das Innere der Pyramide geführt. Vorsichtig ertastet er seinen Weg, kriecht teilweise auf seinem Bauch. Schreckliche Geräusche und Hindernisse begleiten seine Schritte. Dies symbolisiert den Abstieg in die Unterwelt, die Trennung von der Welt der Sinne (Element Erde).
Schließlich führt ein Abgrund weiter hinab. Hier erblickt "Sethos" die Warnung, die später in sehr ähnlicher Form auch in Freimaurerritualen und in der Zauberflöte zu finden sein wird (aus der deutschen Übersetzung, 1732):
Wer diesen Weg allein und ohne hinter sich
zu sehen thun wird, soll durch Feuer, Wasser und
Lufft gereiniget werden und wo er das Schröcken
des Todes uberwinden kan, soll er aus dem Schoosse
der Erde herausgehen, das Licht wieder sehen und
das Recht haben, seine Seele zu Offenbarung derer
Geheimnisse der grossen Göttin Isis zuzubereiten.
(Terrasson: Sethos. Übersetzung v. Wend, C. G., 1732, S. 149.)
Denn unten angekommen muss Sethos durch einen Gang voller Flammen und brennenden Substanzen schreiten. Durch einen optischen Trick wirkt es jedoch nur lebensgefährlich, ist aber eigentlich harmlos — sofern er ruhig bleibt, das Feuer nicht fürchtet (Element Feuer). Die Priester nutzen die Furcht und die Sinne der Unwissenden, um sie zu prüfen. Für den aufgeklärten und mutigen Kandidaten, der die Naturgesetze kennt, entpuppen sich die Schrecken dagegen vielmals nur als Illusionen oder beherrschbare Mechanismen.
Direkt nach dem Feuer versperrt ihm ein großes Gewässer den Weg. Es ist ein unterirdischer Kanal bzw. ein breites Becken, das von den Wassern des Nils gespeist wird. Weit muss er schwimmen, um die andere Seite zu erreichen — für die Reinigung seiner Seele (Element Wasser).
Nun folgt das Element der Luft: Um einen erneuten Schacht ins Nichts zu überwinden, muss Sethos auf eine Zugbrücke steigen. Doch diese senkt sich nicht vollständig und droht wegzuklappen. Er muss sich im letzten Moment mit einem mutigen Sprung an zwei Eisenringe retten, die in der Luft hängen. Heftige Luftzüge und Winde setzen ihm zu. Auch hier muss er Mut und Vertrauen beweisen, denn initiatorisch handelt es sich um die Begegnung mit dem Atem der Welt, um die Inspiration des Geistes.
Dergestalt geläutert erreicht er schließlich die Halle der Isis, wo er die Initiation erfährt. Der Neophyt erlebt eine Wiedergeburt im Licht, erblickt die Mitternachtssonne im Inneren der Erde, das Licht in der Dunkelheit — ein Motiv aus der ägyptischen Osiris-Mythologie, teils auch aus dem Johannes-Evangeluim und natürlich aus den Metamorphosen von Apuleius. So betritt er schließlich als Eingeweihter wieder die Welt — und wird König.
"Sethos" endet mit der Beschreibung einer goldenen Ära in Ägypten, die auf Vernunft, Weisheit und Tugend beruht — Tugenden, die er im Inneren der Pyramide erworben hat. Der Roman wird hierdurch zum idealisierten Vorbild für aufgeklärte Adlige und ist auch in den Bibliotheken des Preußischen Königs Br. Friedrich II. zu finden, seinerseits einer der ersten Freimaurer in Deutschland und enger Vertrauter Voltaires. Schnell entwickelt sich Terrassons Werk zur philosophisch-mythologischen Grundlage für die moralische Ausrichtung so mancher Systeme der frühen Freimaurerei.
4.4 Harpokrates als Gott des Schweigens in der Freimaurerei (ab den 1730ern)
Der wichtigste Markenkern der Freimaurerei ist vielleicht ihre Verschwiegenheit. Die Privatsphäre der Loge bietet vor allem in der frühen Aufklärung einen sicheren Rahmen für fortschrittliche Ideen. Dass hier ein symbolischer Gott des Schweigens gut passt, liegt eigentlich auf der Hand.
Die erste mir bekannte Erwähnung von Harpokrates als Gott des Schweigens innerhalb der Freimaurerei haben wir bereits oben in A Defence of Masonry (1730) entdeckt.
Das nächste spannende Zeugnis stammt aus dem Jahr 1733. In den Jahren 1731-1733 reist der Earl of Middlesex, Br. Charles Sackville, durch Frankreich, Holland und Italien. Lange hält er sich in Florenz auf, wo er 1733 die erste Loge in Italien stiftet.
Die Vorderseite der Stiftungsmedallie zeigt ihn selbst als Stuhlmeister: "Carlos Sackville, Magister". Auf der Rückseite finden wir den Hinweis "AB ORIGINE" (lateinisch für "von Anfang an"). Somit wird Br. Charles als erster Stuhlmeister der Loge in Florenz ausgewiesen.
(Rückseite der Sackville-Medallie, Florenz, 1733; British Museum, London, M.8288.)
Auf der Rückseite entdecken wir außerdem Harpokrates als Gott des Schweigens, zusammen mit Winkelmaß, Zirkel, Winkelwaage und vielen anderen Symbolen.
Da Br. Charles Sackville zum Zeitpunkt der Logengründung gerade einmal 22 Jahre alt ist, wird die Existenz der Loge hier und da angezweifelt. Diese Argumentation verkennt meines Erachtens jedoch die wenig regulierten und kreativen Umstände der Anfangszeit. Auch Br. Charles Sarry gründet bspw. am 6. Dezember 1737 in einer Weinstube die "Loge d'Hambourg" – heute die älteste noch existierende Loge in Deutschland – genau 10 Tage nach seinem 21. Geburtstag. Der älteste der sieben Gründer ist 38 Jahre alt, drei weitere sind Mitte bis Ende 20 – und der einzige Freimaurer unter ihnen ist vermutlich (wenn überhaupt) der 21-jährige Br. Sarry. (Für die Gründung in Florenz spricht außerdem die Herstellungsmarkierung auf der Medaille: "L. NATTER . F[lorenz] . 1733.")
Die Wahl von Harpokrates als Symbol auf seiner Medaille könnte evtl. eine Initiation in Frankreich während seiner Reise nahelegen. Denn in Frankreich ist Harpokrates bereits offenbar ab und an als Symbol in Logen präsent. So heißt es zumindest in der Enthüllungsschrift "L’Ordre des Francs-Maçons trahi" (1745):
In einigen Logen sieht man außerdem die Figur des Harpokrates, des Gottes des Schweigens, der einen Finger auf den Mund gelegt hat, um die Verschwiegenheit symbolisch darzustellen, die unter den Maurern herrschen muss. (L’Ordre des Francs-Maçons trahi, 1745, S. 152.)
Erstmals taucht Harpokrates in der deutschen Freimaurerei meines Wissens in Frankfurt am Main auf. Dort gründet Br. Samuel Mund 1755 die Loge "Bund der Treue und Wahrheit zu den 3 Rosenkreuzern Weiß, Roth und Gold", die bis 1784 Bestand hat. In einem seiner Manuskripte finden wir "Harpocrates, ein Sohn des Osiridis od[er] der Sonne und der Isis oder Natur":
(Auszug aus einem Manuskript von Br. Samuel Mund mit Harpokrates, circa nach 1761 bis 1780, CMC Frederik, Den Haag, Kloss MS 193 A 10.)
Mein lieber Freund und Bruder Rolf Keil, der sich eingehend mit Br. Samuel Mund befasst hat (vgl. Keil/Wäges/Ferguson, 2024), datiert das Manuskript auf circa nach 1761 bis 1780.
Zwischen 1774 und 1801 erscheint Harpokrates außerdem als Gott der Verschwiegenheitin den Andreaslogen des Schwedischen Ritus. Eingeführt wird diese Symbolfigur im Rahmen der Reformen von Br. Carl von Södermanland (vgl. Snoek, 2012). Dadurch findet Harpokrates natürlich auch den Weg in die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland ("Freimaurerorden"). Präsent ist er hier als Bild der Verschwiegenheit seit den 1840er Reformen von Br. Christian von Nettelbladt. Noch heute ist Harpokrates in den Andreaslogen in Verwendung.
Wenn wir die Zeit kurz etwas vorspulen: Ebenso finden wir ägyptische Symbolik heute in vielen Traditionslinien des Schottischen Ritus, darunter bspw. Harpokrates im 4. Grad, spätestens seit den Reformen von Br. Albert Pike (ab 1855).
4.5 Die Manuskripte von Br. Théodore-Henri de Tschoudy (ab den 1750ern, Italien/Frankreich)
Zurück zu den ursprüngen ägyptischer Motive: Am 21. August 1727 wird Br. de Tschoudy (Tschudi) in Metz (Frankreich) geboren. 1750 geht er nach Neapel (Italien), wo er mit den freimaurerischen Hochgraden von und um Br. Großmeister Raimondo di Sangro in Kontakt kommt, die er beim Transkribieren vermutlich noch selbst erweitert.
(Br. Raimondo di Sangro, Großmeister der Neapolitanischen Freimaurerei, Gemälde von Francesco de Mura, ca. 1745-1755.)
Besonders wegweisend wirken Br. de Tschoudys spätere Gedanken, bspw. seine hermetische Interpretation des Flammenden Sterns, ein bekanntes Freimaurersymbol. Er begreift das Symbol im Sinne von Läuterung und innerem Feuer. Der Stern symbolisiert für ihn die Idee des universellen Feuers (feu central) als Prinzip, das die Natur als Quinta Essentia belebt. Die fünf Zacken entsprechen der Quintessenz, die über die vier elementaren Zustände triumphiert. Die Flammen wiederum zeigen ihm, dass diese Quintessenz ein feuriger Geist sei, der die Unreinheiten der Materie (die groben Elemente) verzehrt.
(Flammender Stern auf der Titelseite von de Tschoudy, T.-H.: L'etoile flamboyante ou la societe des francs-macons, 1766.)
Neben des Einflusses aus Neapel nimmt Br. de Tschoudy in seinem Buch auf "Sethos" direkt Bezug:
Ich könnte – indem ich die Sinne unserer Institution mit einem mystischen Glanz umhülle – Sie in jene sagenhaften Zeiten Ägyptens zurückversetzen, die 'Sethos' so trefflich beschreibt: Sie würden sehen, dass die Einweihungen in die heiligen Mysterien der guten Göttin alle abgestuft und aufeinanderfolgend waren; dass die ersten Prüfungen etwas Kindisches an sich hatten, trotz des schreckenerregenden Aufwands, der sie begleitete; dass das Noviziat schließlich lang war und jede ihrer Zeremonien ein ernsteres Symbol verhüllte, dessen Rätsel sich erst nach langer Zeit enthüllte – als Lohn für Verschwiegenheit und Vertrauen.
(de Tschoudy, T.-H.: L'etoile flamboyante ou la societe des francs-macons, 1766, S. 3/4.)
Für Br. de Tschoudy ist der Begriff Ägypten gleichbedeutend mit christlicher Hermetik, d.h. einem Weltbild aus der Renaissance, in welchem christliche Vorstellungen mit Ideen von Astrologie, Alchemie und Kabbala verbunden werden, mit einem großen Interesse an antiken Kulturen und paganen Mysterien (vgl. Ravignat 2021, S. 42).
Seine Ideen und Schriften bilden später einige der Kernelemente des Ritus von Misraim. Heute greifen wir auf eine Vielzahl dieser ursprünglichen Motive vor allem symbolisch zurück.
4.6 Afrikanische Bauherren (spätestens 1760er, Gründung in Berlin)
Fast gleichzeitig bildet sich in Deutschland das System der Afrikanischen Bauherren. Es handelt sich hierbei um ein frühes freimaurerisches Hochgradsystem mit ägyptischer Symbolik und Konnotation. Deutlich wird die Verbindung von Ägypten, Bauhütte und Initiation.
Die Warnung aus "Sethos" vor dem Abstieg nach unten wird im Ritual auf einer großen Tafel zu Beginn der Aufnahmehandlung fast wortwörtlich zitiert:
Wer diesen Weg alleine gehet, ohne hinter
sich zu sehen, soll durch Luft, Feuer und Wasser
gereiniget werden, und wo er die Schrecken
des Todes überwinden kann, soll er aus dem
Schooße der Erde wieder hervor gehen, und
das Licht sehen und das Recht haben, seine
Seele zu den wichtigsten Geheimnissen
vorzubereiten. (Schröder, F. L.: Ritualsammlung 9a, 1805, S. 14.)
(Titelblatt der Crata Repoa, 1770, aus dem Umfeld der Afrikanischen Bauherren, eine fiktionale Schrift, in der Einweihungen in die Ägyptischen Mysterien beschrieben werden - wurde damals nicht als Fiktion gelesen.)
4.7 Ägyptische Freimaurerei von Br. Alessandro Cagliostro (ab ca. 1777)
Evtl. ist das System von Br. Cagliostro inspiriert von Erlebnissen um Saint-Germain, sicher ist es inspiriert durch Br. Chevalier Luigi d'Aquino, dessen Bruder in Neapel Großmeister war. Es handelt sich hierbei um frühe Grade mit teils sehr bunten und okkulten Interpretationen (die Hieroglyphen wurden noch lange nicht verstanden, Ägypten fungierte vielmehr als Projektionsfläche für eigene Vorstellungen).
Als Erinnerungsfigur ist uns Br. Cagliostro vor allem als Hochstapler und Scharlatan bekannt, der die Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzt, indem er Wundermittel verkaufe und spiritistische Séancen abhalte (vgl. Goethe: Der Groß-Cophta, 1791). Zum anderen verbreitet er natürlich flächendeckend die Idee einer ägyptischen Freimaurerei, was zum Teil sogar die Auseinandersetzung mit dem Thema in Wien angeregt haben mag (mehr dazu weiter unten). In Wien hält sich Br. Cagliostro zwischen 1783 und 1784 auf. Die rationalistische Haltung des Hofs verhindert jedoch, dass er hier wirklich Fuß fassen kann.
4.8 Gelehrtenkreise und Logendiskurse (zweite Hälfte 18. Jh.)
Ägyptische Symbolik gelangt zu dieser Zeit in Europa generell verstärkt in Gelehrtenkreise und Logendiskurse (Ägypten dient weiterhin als Symbol für die ursprüngliche Weisheit). Ein schönes Beispiel ist die Pyramiden-Symbolik auf dem Freimaurerschurz von Br. Voltaire (links im Bild unten), der im hohen Alter von 84 Jahren am 4. April 1778 in die Freimaurerei aufgenommen worden ist. Die Legende besagt, dass Br. Voltaire beim Überreichen des reichlich verzierten Freimaurerschurzes so gerührt war, dass er ihn sogleich zu seinen Lippen führte und küsste.
(Freimaurerschurz von Br. Voltaire; Foto G. Garitan, 2014, Musée de la Franc-Maçonnerie Paris, CC BY-SA 4.0.)
Die Symbolik wird derart beliebt, dass sie sogar in die Vergangenheit zurückprojeziert wird. Dies zeigt bspw. der kolorierte Kupferstich von Christian Gottlieb Geyser (1790). Dieser soll Friedrich II. 1740 als Stuhlmeister zeigen, der die Aufnahme zum Freimaurer des Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth leitet. An der Wand des Logenraumes ist eine Sphinx zu erkennen.
(Friedrich II. als Freimaurer im Jahr 1740, Kupferstich von Geyser, 1790, nach einem Entwurf von Gottlob Wilhelm Hoffmann, circa 1788.)
Die Sphinx bewacht in der ägyptischen Mythologie den Eingang zum Heiligen. Dass sie tatsächlich zu dieser Zeit dergestalt im Logenraum gestanden hat, halte ich eigentlich für ausgeschlossen.
4.9 Doppelte Religion & die Forschungslogen von Br. Ignaz von Born (1783–1785, Wien)
Br. Ignaz von Born lässt in seinen Forschungslogen in Wien antike Mysterien besprechen. Br. Mozart ist bspw. anwesend, als der Vortrag Über die Mysterien der Aegyptier in der Loge Zur wahren Eintracht gehalten wird (gedruckt in: Journal für Freymaurer; Nr. 1, 1784, S. 17-132). Ägypten wird hier oft im Rahmen einer doppelten Religion verstanden, das heißt einer Religion für das Volk und einer verborgenen Religion für Eingeweihte – letztere wird in Wien nicht selten dargestellt als aufgeklärter Deismus im Sinne Spinozas.
Dies ist natürlich eine Vorstellung, die ebenfalls in späteren Zeiten erwachsen ist. Die Kenntnis der Hieroglyphen ist vergangen, daher werden griechisch-römische Konnotationen freudig beigemischt.
Zu nennen ist hier bspw. Klemens von Alexandria. Er liefert gegen Ende des 2. Jahrhunderts eine detaillierte Beschreibungen der verschiedenen Arten der ägyptischen Schrift (hieratisch, demotisch, hieroglyphisch). Die tiefsten Wahrheiten seien nur in den symbolischen Hieroglyphen verborgen geween, die nur die eingeweihten Hierophanten (Priester) lesen konnten.
Diejenigen nun, welche bei den Ägyptern unterrichtet werden, lernen zuerst diejenige Art der ägyptischen Buchstaben kennen, welche man die epistolographische [demotische] nennt; zweitens die hieratische, welche die heiligen Schreiber [Hierogrammaten] gebrauchen; die letzte aber und vollkommenste ist die hieroglyphische. (Klemens von Alexandria: Stromateis V, 4, 20.4)
Weiterhin heißt es:
Nicht jedem Beliebigen aus dem Volk offenbarten sie [die Ägypter] ihre Geheimnisse, und sie teilten die Kenntnis der göttlichen Dinge nicht solchen mit, die keine Tugend besaßen, sondern nur denen, die für die Thronfolge bestimmt waren, und von den Priestern nur denen, die als die Würdigsten befunden wurden, sowohl durch ihre Erziehung als auch durch ihre Abstammung und ihren Charakter. (Klemens von Alexandria: Stromateis V, 4, 19.3)
Diodor von Sizilien schreibt dazu im 1. Jahrhundert vor unserer Zeit:
Es geschieht nämlich bei ihnen nicht so, dass die Kenntnis dieser Buchstaben durch das allgemeine Schulsystem vermittelt wird, sondern nur die Priester kennen sie, da sie dieses Wissen von ihren Vätern in den geheimen Lehren überliefert bekommen. (Diodor von Sizilien: Bibliotheke historike, Buch I., 81, 2–3.)
Daraus entsteht, um es kurz zu machen, im Laufe der Jahre die Idee einer doppelten Religion: einer geheimen Religion für die Eingeweihten und einer offenen Religion für das Volk. Die Philosophen der Aufklärung hatten darauf natürlich einen ganz eigenen Blick.
So kritisiert der Aufklärer Denis Diderot dieses (vermeintliche) altägyptische Verschleiern der Wahrheit im 18. Jahrhundert deutlich. Er schriebt:
Die Priester hatten zwei Arten von Lehren; die eine exoterisch oder öffentlich, die andere esoterisch oder geheim. [...] Durch diese doppelte Lehre gelang es den ägyptischen Hierophanten, sich zu Herren über den Glauben der Völker zu machen, indem sie ihnen Fabeln präsentierten, während sie die Wahrheit für sich selbst vorbehielten. (Diderot, D.: Égyptiens, philosophie des. In: Encyclopédie, Bd. 5, 1755, S. 435.
Derartige Sichtweisen schwingen oft in freimaurerischen Aufklärerkreisen mit. Hier werden sie schließlich mit der Faszination für die ägyptischen Mysterien verbunden. All dies führt meines Erachtens zu dem Wunsch, die Geheimnisse der einstigen Hierophanten zu entschlüsseln, um sie selbst erleben zu können – was wir später bspw. im Orden der Sophisten sehen werden.
Die Uraufführung der Zauberflöte findet statt (Wien, 1791). Auch hierin wird die gleiche Stelle aus "Sethos" (wie bei den Afrikanischen Bauherren) nahezu wortwörtlich zitiert (Motive: Elementproben, Reisen).
(Schinkel, K. F.: Bühnenbild zur Zauberflöte, 2. Akt, Szene 28, 1816, gedruckt 1847.)
Der, welcher wandert diese Strasse voll Beschwerden, /
Wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden; /
Wenn er des Todes Schrecken überwinden kann, /
Schwingt er sich aus der Erde Himmel an. /
Erleuchtet wird er dann im Stande seyn, /
Sich den Mysterien der Isis ganz zu weih'n.
(Mozart, W. A.; Schikaneder, E.: Die Zauberflöte, 1791.)
Die Freimaureroper feiert riesige Erfolge, schon bald zieren Sphinxe & Co. so manche Logenhäuser.
(Theaterzettel zur Uraufführung der Zauberflöte in Wien, 1791.)
5.1 Uraufführung der Zauberflöte in Paris (20. August 1801) & Ende des Napoleonischen Ägyptenfeldzugs (31. August 1801)
In Paris wird Die Zauberflöte unter dem Titel Les Mystères d’Isis uraufgeführt. Elf Tage danach kapitulieren die französischen Truppen endgültig in Alexandria. Umfangreiche Berichte & Publikationen zirkulieren bereits seit geraumer Zeit, viele weitere folgen. Besonders hervorzuheben sind hier die mehrbändigen und hervorragend bebilderten Ausgaben von Description de l'Égypte (1809–1829). Einer der wichtigsten Organisatoren dieses Meisterwerks ist Michel-Ange Lancret, ein wissenschaftlicher Teilnehmer des Napoleonischen Ägyptenfeldzugs, später Mitglied im Orden der Sophisten.
5.2 Orden der Sophisten (15. Oktober 1801, Frankreich)
Der Orden der Sophisten wird am 15. Oktober 1801 von Freimaurern aus dem Umfeld der Loge "Frères Artistes" gegründet, kurz nach dem Ende von Napoleons Feldzug in Ägypten. In ihm werden Motive der Isis-Initiation inszeniert, auf Grundlage von "Sethos" und weiteren Ideen über Ägypten zu jener Zeit. Vorstellungen einer Schöpfung aus dem Chaos finden darin ihren Platz, als auch Motive des Feuers, des Wassers, der Luft und andere reichhaltige Symbolik (vgl. besonders: Livre d'or du rite, BnF FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 76 ff.). Die Rituale sind unglaublich elaboriert und werden Anfang des 19. Jahrhunderts höchstswahrscheinlich in den Theatern des Pariser Tempelbezirks praktiziert (vgl. Spieth, 2007, S. 83/84).
Viele prominente Menschen aus der Wissenschaft, der Kunst und Militär-Veteranen mit Bezug zu Ägypten finden sich im Orden der Sophisten zusammen. Darunter sind sogar zwei Personen im höchsten Rang des Maréchal d’Empire: Br. Jean-Baptiste Bessières und Br. Guillaume-Marie-Anne Brune.
(Darstellung eines Untergrund-Tempels mit Mumien, auch das Motiv der Mitternachtssonne ist zu erkennen. In: Livre d'or du rite, BnF FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 69.)
(Harpokrates als Gott des Schweigens. In: Livre d'or du rite, BnF FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 4.)
Die Mitgliederinnen und Mitglieder des Ordens empfinden sich selbst in einer Traditionslinie mit den antiken Mysterien:
(Auszug aus dem Livre d'or du rite, BnF FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 50.)
Die Mysterien wurden in Ägypten durch Osiris geschaffen
In Thrakien durch Orpheus
In Persien durch Zoroaster
Auf Zypern durch Kinyras
In Athen durch Kekrops
Von dort gelangten sie nach Rom
Dann nach Lutetia [der antike Name für Paris].
Sie kamen nach dem glorreichen Feldzug der französischen Armee direkt aus Ägypten, konnten sich jedoch erst vollständig etablieren, nachdem Gelehrte des Ordens Dokumente aus alten griechischen und römischen Traditionen zusammengetragen hatten.
(Auszug aus dem Livre d'or du rite, BnF FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 50.)
Der Textauszug zeigt wunderbar, dass Hieroglyphen und Primärquellen hier noch nicht erschlossen waren. Denn die Funde in Ägypten beginnen schließlich erst Sinn zu ergeben - so der Ritualauszug -, nachdem Kenntnisse aus griechischen und römischen Quellen herangezogen werden.
All dies ist wiederum keineswegs nur als eine Legende in einem freimaurerischen Grad zu verstehen, sondern entspricht durchaus dem Empfinden vieler Gelehrter der damaligen Zeit (vgl. Spieth, 2007, S. 17-28; vgl. Assmann/Ebeling, 2011). Dies verdeutlicht auch der Gründer des Ordens selbst:
Bei mehreren Gelegenheiten in ihrer Loge [in Ägypten] vereint, entdeckten diese Forscher und beauftragten Kundschafter – so heißt es – in allen Teilen der klassischen Länder, die sie bereisten, Dokumente, auf deren Grundlage sie die heilige Institution der Sophisten gründeten. Bei ihrer Rückkehr nach Frankreich, beladen mit ihren kostbaren Materialien, beschlossen die zeitgenössischen Nachfolger der ägyptischen Priester, in ihrem eigenen Land einen heiligen Orden zu implementieren, von dem sie verkündeten, er sei unter den Pyramiden entdeckt worden. (Zitat von Jean-Guillaume-Antoine Cuvelier de Tyre. In: CMC Frederik, Den Haag, Kloss MS 240 B 74.)
Napoleons Feldzug ist im Übrigen lediglich kulturell erfolgreich.
Beim Ägyptenfeldzug handelt es sich um Kolonialismus in einer neuen Form. Denn die vermeintliche Rechtfertigung ist jetzt nicht mehr die christlicher Mission. Vielmehr geht es Frankreich darum, Ägypten in eine aufgeklärte Modellkolonie zu verwandeln. Dies gestaltet sich vor Ort jedoch sehr schwierig, trotz der umfangreichen Bibliothek aus 550 Bänden und den vielen wissenschaftlichen Apparaten, darunter Teleskope usw., die nach Kairo verschifft werden. (Vgl. Spieth, 2007, S. 53.)
Schon bald bilden sich innerhalb der französischen Truppen zwei Lager. Es gibt weiterhin Befürworter der Kolonialisierung, aber auch deutliche Gegner des ursprünglichen Vorhabens. Anfang März 1799 lässt sich der spätere Sophist – General Jacques-François Menou – sogar beschneiden, konvertiert zum Islam und nimmt zusätzlich den Namen Abdullah an. Er heiratet die Ägypterin Zubaidah El Bawwab aus Rosetta, der berühmten Hafenstadt im Nildelta (hier wird der Stein von Rosetta gefunden, mit dessen Hilfe es gelingen wird, die Hieroglyphen zu entziffern).
(Kupferstich von General Abdullah Jacques-François Menou, gedruckt 1889.)
Menou erhält 1800 den Oberbefehl über die Truppen in Ägypten. Am 21. Mai 1801 wird er jedoch bei Alexandria vom englischen General Br. Ralph Abercromby gänzlich besiegt und muss die Kapitulation unterzeichnen.
(Auszug aus der Mitgliederliste des Ordens. In: Livre d'or du rite, BnF FM4 (15), ca. 1819-1821, fol. 3.)
Die Missionsziele werden durch all diese Ereignisse nach und nach neu definiert. Schon bald geht es nicht mehr um eine aufgeklärte Modellkolonie, sondern vielmehr darum, die sagenumwobenen altägyptischen Mysterien und antiken Kenntnisse für den westlichen Konsum zu erschließen. Napoleon und das Regime beginnen daher spätestens ab Ende 1799 die zahlreichen kulturellen Errungenschaften propagandistisch als Sieg darzustellen, um das Gesicht zu wahren. Dies führt in der Gesellschaft zu einem enormen Interesse an allen Themenkomplexen rund um Ägypten. (Vgl. Spieth, 2007, S. 54-61.)
In dieser Gemengelage – aus einer Liebe zu den ägyptischen Mysterien im Lichte der französisch-aufgeklärten Vernunft – bildet sich der Heilige Orden der Sophisten.
In den Lehren des Ordens geht es um soziale Harmonie und um eine Perfektion der Seelenkräfte. Wunderbar werden sie in den Worten des späteren Sophisten Étienne-Louis Malus de Mitry auf den Punkt gebracht, die dieser noch in Ägypten niederschreibt:
Alle Handlungen im Leben mögen auf die Vervollkommnung der Seele und die Harmonie im Sozialen hinwirken. Hoffnung ist eine Quelle des Glücks, die wir nie außer Acht lassen dürfen. Wir müssen Geduld üben – denn diese Tugend ist für das glückliche Zusammenleben in der Gesellschaft unerlässlich. (De Mitry, E.-L. M: L'Agenda de Malus – Souvenirs de l'expédition d'Égypte 1798-1801, 1892, S. 25-26.)
Auch der deutsche Freimaurer Br. August Wilhelm Iffland – Generaldirektor aller königlichen Schauspiele in Berlin – ist in der Mitgliederliste des Ordens zu finden (vgl. BnF FM4 (15), fol. 3 – letzter Eintrag im Auszug aus der Mitgliederliste oben). In Deutschland wird er als Matrikel 1167 in der Loge Emanuel zur Maienblume i.O. Hamburg geführt. 1796 leitet seine Aufnahmearbeit niemand anderes als Br. Friedrich Ludwig Schröder.
Der Orden der Sophisten hat im Wesentlichen bis zum Tod des Gründers Cuvelier de Tyre im Jahr 1824 Bestand.
5.3 Ägyptische Motive in den Systemen unserer Freimaurereien (spätestens ab 1801)
Ebenfalls genau zu dieser Zeit entstehen in Paris die Rituale für die ersten drei Grade des Schottischen Ritus. In diesen Ritualen werden die symbolischen Reisen bei der Aufnahme erstmals direkt mit Elementproben verbunden, wie diese seit Terrasons Roman verstanden werden. Viele weitere Motive des damaligen Bildes antiker Mysterien werden eingeflochten, wie Hindernisse, Lärm bei den Reisen, Höhlen oder Abgründe – vergleichbar mit dem Orden der Sophisten. Diese neuen Praktiken verbreiten sich schnell auch in anderen Lehrarten.
Diese Anklänge sind in stark abgeschwächter und umgedeuteter Form noch heute in vielen Ritualtraditionen zu finden – bspw. weiterhin im 1°-3° des Schottischen Ritus oder im deutschen A.F.u.A.M.v.D.-Standardritual. Die Begegnung mit den Elementen soll heute nicht mehr erschrecken oder erschüttern, was in der Anfangszeit – wie bei "Sethos" – definitiv das Ziel ist, sondern vielmehr eine Begegnung mit der Ganzheit der Welt symbolisieren, aber natürlich auch eine Reinigung und Vorbereitung zur Initiation.
Im A.F.u.A.M.v.D.-Standardritual wird sogar Isis und Osiris aus Br. Mozarts Oper als Musikstück empfohlen, nachdem das Licht wiedererlangt und die Aufnahme vollzogen worden ist. Das Ritual ist eine erneuerte Mischform aus den Ritualen der Großlogen der Weimarer Republik, von denen viele bspw. Elementproben bei den symbolischen Reisen beinhalten. Die britische Ritualtradition enthält dagegen keine Elemente bei den Reisen, dunkle Kammern oder ähnliches.
Hinweise auf die Verwendung einer dunklen Kammer (cabinet de réflexion/méditation) lassen sich ebenfalls erst sechs Jahre nach "Sethos" innerhalb der französischen Freimaurerei entdecken (vgl. Reception D'un Frey-Maçon, 1737).
Eine wesentliche Rechtfertigung und Begründung dieser neuen Elemente liefert der Archäologe Br. Alexandre Lenoir in seinem Werk "La Franche-Maçonnerie rendue à sa véritable" (1814). Von allen Symbolen und Handlungen innerhalb der Freimaurerei, wie auch von allen Mysterienkulten und Religionen, zieht er Verbindungslinien bis ins alte Ägypten. Er plädiert deutlich für die Verwendung von Elementproben innerhalb der Rituale:
Die Prüfungen, die bei der Aufnahme eines Kandidaten in die Freimaurerei vorgeschlagen werden, variieren je nach den Logen, in denen die Aufnahmen stattfinden. Es wäre wünschenswert, sich unveränderlich an die Nachahmung jener Prüfungen zu halten, die bei der ägyptischen Initiation üblich waren, da man in den allegorischen Formeln der Freimaurerei alles wiederfinden muss, was die Alten unter den Mysterien der Isis und der Ceres verstanden. (Lenoir, A.: La Franche-Maçonnerie rendue à sa véritable, 1814, S. 244.)
In diesen Zeilen wird deutlich, dass damals durchaus ein Aushandlungsprozess stattgefunden hat. In einer Vielzahl von Traditionen konnten sich diese neuen Elemente durchsetzen.
Die Erlebnisse und die Vereinigung in den so verstandenen neuen Mysterien (Freimaurerei) betrachtet Br. Lenoir als wirksames Mittel gegen religiösen Fanatismus und weltlichen Despotismus:
Die geheimnisvollen und verborgenen Institutionen [...] brachten die Menschen einander näher und vereinten sie durch Formeln und Gesetze. Sie hemmten den religiösen Fanatismus; sie waren ein Zufluchtsort gegen den Despotismus so mancher Herrscher. Dies ist zumindest die am weitesten verbreitete Meinung über den Ursprung jener geheimnisvollen und philanthropischen Versammlungen, denen man den Namen Freimaurerei gegeben hat. (Lenoir, A.: La Franche-Maçonnerie rendue à sa véritable, 1814, S. 4.)
Spannend sind in diesem Zusammenhang ebenso die Sternenhimmel, welche die Decken so mancher Logenräume zieren. Bereits in den frühen Katechismen der Freimaurerei wird die Höhe einer Loge als unermesslich beschrieben. Im Dumfried No. 4 MS heißt es bspw.:
Frage: Wie hoch ist deine Loge?
Antwort: In Zoll und Spannen unermesslich.
Frage: Wie unermesslich?
Antwort: Wie die geschaffenen Himmel und das sternenbesäte Firmament.
(Dumfries No. 4 MS, 1710.)
Diese Vorstellung ist der Ursprung des Symbols.
Das Motiv des Sternenhimmels an der Decke taucht jedoch erstmals in Ägypten auf, als Kennzeichnung eines Raums im Jenseits, in der Unterwelt, im Osiris-Reich – dort, wo in der altägyptischen Mythologie die Sonne nachts ihre Wanderung fortsetzt:
(Sternenhimmel in der Pyramide von Unas, 5. Dynastie, ca. 24. Jahrhundert v. u. Z., inkl. der ersten Pyramidentexte, Vorläufer der späteren Sargtexte und des Totenbuchs; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Die Frage ist berechtigt, auch wenn die Antwort spekulativ bleiben mag: Hat sich durch die vertiefte Kenntnis ägyptischer Tempel aus Beschreibungen und Darstellungen in Reiseberichten vielleich auch die Konnotation geändert, mit der das Symbol des Sternenhimmels in den Logen empfunden wird?
Oder anders formuliert: Wenn die Aufnahme in die Freimaurerei in einem solchen Umfeld geschieht (dunkle Kammer und Begegnung mit den vier Elementen zuvor, Sternenhimmel an der Decke, ggf. noch Mozarts Zauberflöte), erfolgt dies dann symbolisch überhaupt noch vornehmlich im Salomonischen Tempel, dem symbolischen Kernelement des Rituals der ersten Grade, oder vielmehr bereits in einem Umfeld der Mitternachtssonne, wie es in den Traditionen westlicher Esoterik für die ägyptischen Mysterien skizziert worden ist? – Wir erinnern uns an Apuleius, der beschreibt, wie er zur tiefsten Mitternacht plötzlich die Sonne in ihrem hellsten Licht leuchten sah, nachdem er die vier Elemente durchwandert ist.
Wie auch immer die individuelle Antwort ausfallen mag: "Die Zauberflöte", "Sethos" und der Nachklang des Ägyptenfeldzugs wirken stark inspirierend und führen zu manchen Neuerungen innerhalb der Freimaurerrituale. Die hier aufgeführten Beispiele sind dabei nur exemplarisch.
(Titelblatt der ersten Druckversion der Symbolischen Grade des Schottischen Ritus, 1820, bereits mind. 15 Jahre zuvor von einigen Pariser Logen praktiziert.)
5.4 Par-Isis und der Kult des Supreme Beings (Ende 18. Jh. / Beginn 19. Jh., Frankreich)
All dies wirkt auf den ersten Blick durchaus anachronistisch: Isis-Kulte in Pariser Theatern, ägyptische Motive in Freimaurerlogen – und all das zur Zeit der Hochaufklärung. Was hierbei jedoch oft übersehen wird: Genau zu dieser Zeit erlebt die Vorstellung eine gewaltige Renaissance, dass Paris auf einer antiken Isis-Kultstätte erbaut worden sei und sich genau von daher der Stadtname ableite (vgl. Spieth, 2007, S. 106-110).
So schreibt Br. Jean-Sylvain Bailly, der berühmte Astronom, Mathematiker und erste Bürgermeister von Paris im Jahr 1787:
Der Name Paris, Par-Isis, bedeutet vielleicht die Umgebung der Isis, der Tempel der Isis; denn diese Göttin wurde dort verehrt. (Bailly, J.-S.: Histoire de l'astronomie ancienne, 1787.)
1811 verfügt Napoleon I. sogar in einem Dekret, dass das Pariser Stadtwappen fortan eine Figur der Isis, sitzend am Bug einer Galeere beinhalten möge (vgl. Décret Impérial du 2 février 1811).
(Das Pariser Stadtwappen ab 1811.)
Das Schiff passt perfekt, denn der Name der Stadt wird damals in der Literatur oft auch von Baris-Isis hergeleitet, was Schiff der Isis bedeutet (das Wort "Baris" ist der griechische Begriff für ein ägyptisches Boot).
In Anbetracht dieses Bewusstseins, in dem sich die Menschen hier in der Welt verorteten, wirkt das gesamte Geschehen nicht mehr anachronistisch, sondern vielmehr als ein Produkt der damaligen Moderne.
Isis wird zu dieser Zeit als Inbegriff der Natur verstanden, die es zu begreifen und zu entschlüsseln gilt. Isis ziert fortan viele wissenschaftliche Publikationen. Ihren Schleier, die Geheimnisse der Natur, gilt es zu lüften: Dies ist ein prometheischer Anspruch der neueren Zeit. Traditionell (griechisch-römisch) bleibt ihr Schleier im orphischen Sinne vielmehr ewig bestehen – wir erinnern uns an Plutarchs Harpokrates-Interpretation.
All dies wird nachrevolutionär mit Ideen aus dem Kult des Höchsten Wesens verbunden (Culte de l’Être suprême). Dieses Phänomen geht besonders auf Br. Maximilien de Robespierre zurück, der den Kult mit einem großen Fest am 8. Juni 1794 offiziell begründet.
Zur Zeit der Revolution setzt nämlich eine starke Entchristlichung ein. Prister werden verfolgt, Kirchen geplündert, der christliche Kalender wird durch den Revolutionskalender ersetzt. Diesen Materialismus setzt Br. de Robespierre einen deistischen Kult entgegen, inspiriert von den Ideen des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau: Zwar kein persönlicher Gott, der in das Schicksal eingreift, jedoch ein schöpferisches Prinzip, das der Natur zugrunde liegt, bildet hierbei den Kerngedanken (Deismus). Tugend – das heißt ein Einsatz für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – wird als der eigentliche Gottesdienst verstanden (vgl. Spieth, 2007).
Isis als Inbegriff der Natur wird schließlich zur Verkörperung dieses schöpferischen Prinzips – und somit zu einer Art symbolischen Göttin der Aufklärung.
Noch heute erscheint Isis in vielen Ritualen, in Logennamen usw. als eine solche Symbolfigur, an der Bruchstelle von Religion und Wissenschaft, die uns zu Einheit in einer scheinbar zerklüfteten Welt und zu philosophischer Einsicht ermahnt.
5.5 Ritus von Misraim (ca. 1805, Italien/Frankreich)
Der Ritus von Misraim wird von Veteranen des Napoleonischen Ägypten-Feldzugs gegründet und promotet. Besonders Br. Marc Bédarride ist hier zu nennen. Br. Bédarride wird 1803 mit seinem leiblichen Bruder Michel in Neapel in die Freimaurerei aufgenommen. Er steht somit in einer Tradition wie einst schon Br. de Tschoudy.
(Br. Marc Bédarride in Misraim-Regalia, gedruckt in: De l'ordre maçonnique de Misraïm, 1845.)
Auf diesem Bild ist Br. Bédarride als Erster Groß Konservator des Ritus zu sehen. Heute entspricht dies unserem 95° in den vereinigten Riten. Brüder und Schwestern im 95° sollen die Lehre und den Fortbestand der Tradition der Mysterien für die kommenden Generationen sichern.
Der Misraim-Ritus hat initial 77 Grade, wird 1813 sogar auf 90 Grade erweitert (freimaurerisches Mysterienspiel war eben schon immer auch Entertainment).
Br. Bédarride nutzt für seinen Ritus den Namen der synkretisch jüdisch-ägyptischen Gestalt Misraim. Wie schon in Br. Andersons Konstitutionen (1723), ist für Br. Bédarride Misraim der Sohn des biblischen Ham, der in Ägypten sesshaft wurde und dort die Kunst der Freimaurerei mit ihren Mysterien perfektionierte (vgl. Bedarride, M.: De l'ordre maçonnique de Misraïm, 1845).
Frage: Welche Beziehung besteht zwischen der Freimaurerei und Ägypten?
Antwort: Die Freimaurerei, das heißt das Wissen um die Wahrheiten der Natur und ihrer Gesetze, wurde in Ägypten von Weisen bewahrt, die sie vor dem gemeinen Volk verbargen, indem sie sie in kunstvolle Sinnbilder (Embleme) hüllten.
(Aus dem Original Misraim-Lehrlingskatechismus von Br. Marc Bédarride.)
Wir haben einige Elemente dieser ursprünglichen Grade wieder in unsere Arbeiten aufgenommen, die in anderen modernen Ägyptischen Riten der Freimaurerei im Laufe der Zeit oft verlorengegangen sind, bspw. durch die (oft guten und wegweisenden) Reformen von Br. Marconis de Nègre (Ritus von Memphis), von Br. Harry J. Seymour (eine Schlüsselfigur in der Verbreitung des Ritus in den USA), von Br. John Yarker (vereinigte Riten) oder von Br. Robert Ambelain (ab 1960 in Frankreich).
5.6 Das Arcana Arcanorum (1813/1816, Italien/Frankreich)
Am 20. November 1816 legen Br. François Joly, Br. Armand Gaborria und Br. Francisco Garcia dem Grand Orient in Frankreich die höchsten Grade des Ritus vor, in die sie 1813 in Neapel aufgenommen worden sind. Hierbei handelt es sich in der Struktur bereits um das heute als 87°-90° zelebrierte Arcana Arcanorum (die Leiter von Neapel). Für uns ist dies noch heute das initiatorische Kernstück unseres Ordens, voll poetische Sprache und tiefer Symbolik aus Neuplatonismus, Hermetik und Kabbala.
(Deckblatt des 77. und damals höchsten Grades, der dem Grand Orient vorgelegt worden ist; Manuskript 370 aus dem Gaborria-Bestand der Bibliothek Alençon.)
(Illustration aus Vuillaume, C. A.: Tuileur de tous les rites de maçonnerie pratiqués en France, 1820. Erste Übersetzung ins Deutsche bereits 1821.)
Ab ca. 1834 beginnt Br. Jacques Étienne Marconis de Nègre, ursprünglich Mitglied im Ritus von Misraim, mit seinen Reformen, die eine verstärkte Einführung vorhandener Grade und Ideen aus anderen französischen Systemen betreffen, bspw. die Einführung von Templer-, Rosenkreuzer- und pythagoreischer Symbolik, aber auch Begriffe universalistischer Religiosität. Hieraus entsteht 1838 der Ritus von Memphis, benannt nach der einstigen Hauptstadt Ägyptens. – Dahin unternehmen wir jetzt kurz vor dem Ende dieses Textes noch einen kleinen Exkurs:
Im altägyptischen Memphis wird Ptah als Schöpfergott verehrt, der Schutzgott der Handwerker, Bildhauer und Architekten.
(Ptah in Memphis; Foto: Robert Matthees, 2025.)
In einer Hymne an Ptah heißt es, dass er die Welt nach dem Entwurf seines Herzens geschaffen hat, und der Shabaka-Stein aus der 25. Dynastie erklärt, dass Ptah allen Göttern und auch ihren Kas [ihrer spirituellen Essenz] durch dieses Herz und diese Zunge Leben gibt. Hierbei handelt es sich tatsächlich um den ersten Schöpfungsmythos, der eine Schöpfung durch das Wort beschriebt – wie es später auch in der Bibel zu finden ist.
Die altägyptischen Mythen beschreiben den Kosmos und unsere Position darin. Sie sind Teil des damaligen Lebens, geben Tiefe, Richtung und Sinn. Überall wirken göttliche Kräfte. Es gibt keine festgefahrene oder in einem Kanon verewigte Theologie, keinen einheitlichen Mythos, vielmehr eine Pluralität an Ideen und Konzepten.
In einem anderem Schöpfungsmythos geht allem das dunkle, grenzenlose Urwasser Nun voraus. In ihm erschafft eine Achtheit von Göttern – vier männliche, vier weibliche – durch ihre vereinten Kräfte das kosmische Ei, aus dem das Licht (Sonnengott Re) geboren wird.
Einige Mythen erzählen vom Großen Gackerer, der göttlichen Gans, die den Anbruch der Morgenröte verkündet und die Stille des Kosmos bricht.
In anderen Regionen wird berichtet, wie der Sonnengott Re aus der Lotusblüte hervortritt und die Finsternis vertreibt. Denn Lotusblüten versinken jede Nacht im Nil (verschließen sich), bis sie am Morgen wieder auftauchen – um die wiedergeborene Sonne anzubeten. Auch die Papyrusblüte gilt als heilig, da sie an Sonnenstrahlen erinnert.
Mythen sind wunderschön und erfüllen ein tiefes Bedürfnis der Menschen, sich in der Welt und im Kosmos zu verorten und gleichzeitig ihre Potenziale zu spüren (vgl. Campbell, 1991). Genau genommen zielen sie nicht auf das bloße Woher kommen wir? Es ist vielmehr ein: Warum sind wir hier?
Heute wirkt dieses Verorten in der Welt teils mechanisch und leblos, in einem Weltbild dominiert von Logik und Rationalität. Hiervon ist die Lebenswirklichkeit im alten Ägypten noch weit entfernt. Im alten Ägypten sind die Mythen noch lebendig – und sicher sollen sie auch unterhalten. Hiervon zeugt bspw. eine Erzähung um Sekhmet aus dem Buch der Himmelskuh. Sekhmet ist die Tochter Res und die Frau Ptahs, Göttin der Heilung, des Schutzes, aber auch der Zerstörung und des Krieges.
(Ptah, Ramses II., Sekhmet im Grand Egyptian Museum Kairo; Foto: Robert Matthees, 2025.)
Hier sehen wir links Ptah und in der Mitte neben ihm steht Ramses II., einer der bedeutendsten ägyptischen Könige. Ramses II. hinterlässt monumentale Bauwerke und den ersten bekannten Friedensvertrag der Weltgeschichte (mit den Hethitern). Seine beispiellos lange, 66-jährige Regentschaft führt Ägypten zum Höhepunkt diplomatischer und kultureller Macht.
Rechts neben Ramses II. steht Sekhmet, deutlich an ihrem Löwenkopf zu erkennen. Im alten Ägypten werden Gottheiten in drei verschiedenen Personifikationen dargestellt: entweder in menschlicher Form, in menschlicher Form mit Tierkopf, oder ganz in Tierform. Dies hat keineswegs zu bedeuten, dass hier das Tier selbst verehrt wird. Es ist vielmehr so, dass die Qualitäten der Tiere denen der Gottheiten entsprechen und selbige so greifbarer werden (wie bspw. Jesus als Lamm, der Evangelist Markus als Löwe, Johannes als Adler usw.). Für Sekhmet jedenfalls passt der Löwenkopf pefekt!
Denn eines Tages erfährt der alte Sonnengott Re, dass die Menschen sich gegen ihn verschwören. Er beschließt, sie durch sein Sonnenauge zu bestrafen, das sich in die furchtbare, löwenköpfige Göttin Sekhmet – die Mächtige – verwandelt.
Sekhmet beginnt ihre Mission als Zerstörerin. Sie schlachtet die aufständischen Menschen ab und gerät dabei in einen unkontrollierbaren Blutrausch. Sie hat so große Freude am Töten, dass sie schwört, die gesamte Menschheit auszurotten.
Schnell bereut Re seine Entscheidung, da er sieht, dass Sekhmet völlig außer Kontrolle geraten ist und niemand mehr auf der Erde überleben wird. Daraufhin beauftragt er seine Diener, Tausende Krüge Bier zu brauen.
Das Bier wird mit rotem Ocker bzw. Granatapfelsaft vermischt, sodass es die Farbe von Blut annimmt. Diese riesige Menge an rotem Gebräu wird auf die Felder gegossen, welche die Göttin Sekhmet auf ihrem Weg durchqueren muss. – Bitte stellt euch an dieser Stelle dürre Felder vor, die von der heißen Sonnenscheibe überquert werden. Denn das ist die reale Situation, die dem Mythos zugrunde liegt.
Sekhmet, ganz high vom Blutdurst, sieht die rote Flüssigkeit und hält sie tatsächlich für das Blut der Menschen. Der Trick funktioneirt! Sie trinkt die gesamte Menge gierig aus. Völlig betrunken und berauscht, kann sie ihren Blutrausch nicht fortsetzen, verliert die Orientierung und schläft ein.
Als Sekhmet erwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Ihre Mordlust ist verschwunden. Re verwandelt sie so in die sanftere Göttin Hathor, in den anderen Aspekt des göttlichen Sonnenauges. Hathor ist die Göttin der Liebe, der Schönheit, der Musik, die Göttin von Tanz und Fruchtbarkeit, Freude und Mutterschaft – denn all das bringt das Sonnenauge ebenso. Sie ist aber auch eine Kriegsgöttin, wie ihr anderer Aspekt Sekhmet. Hathor wird in Kuhgestalt oder als Frau mit Kuhhörnern dargestellt, zwischen denen die Sonnenscheibe ruht. Im alten Ägypten ist eben alles miteinander mythologisch verbunden. Üerall funkeln die Kräfte der Götter – und alles fließt in einem ewigen, kosmischen Prozess, so natürlich wie die Jahreszeiten.
(Malzbier über den Dächern Kairos; Foto: Robert Matthees, 2025.)
So wird im alten Ägypten die Menschheit durch Bier gerettet. Darauf habe ich selbstverständlich angestoßen (jedoch alkoholfrei)! Damals wird das Schöne Fest der Trunkenheit bzw. das Fest der Hathor jährlich um das Neujahrsfest herum gefeiert, mit dem Einsetzen der Nilschwemme, die das Land wieder fruchtbar macht und die zerstörerischen Aspekte der Sonne zum Ruhen bringt – und mit ganz viel Bier, das zur roten Färbung mit Granatapfelsaft vermischt worden ist.
Viele dieser Ideen und wundervollen mythologischen Details sind den Gründern der Ägyptischen Riten noch unbekannt. Denn wichtige Primärquellen sind zu ihrer Zeit noch nicht übersetzt. Wir reichern unsere Rituale daher gerne mit solchen Konnotationen an, die uns die neue Forschung eröffnet.
Denn Br. Marconis de Nègre fügt – wie später auch Br. John Yarker – so manche Motive und Sinnsysteme in den Ritualkomplex ein, die den traditionellen Rahmen westlicher Esoterik bei weitem sprengen. Dies kann Material aus Hinduismus und Buddhismus sein, bis hin zu nordischer Mythologie usw. – im Versuch, alle spirituellen und esoterischen Traditionen der Menschheit zu bedenken und zu lehren. Mein Br. Mathieu Ravignat schreibt diesbezüglich: Wir überlassen es der Leserin und dem Leser [dieser Rituale], zu beurteilen, ob diese massiven synkretischen Anstrengungen erfolgreich sind. (Ravignat 2021, S. 9.) Dem möchte ich hinzufügen, dass ich sehr froh bin, Expertinnen und Experten auf dem Gebiet antiker Mysterien und der Religionswissenschaft in meiner Loge zu wissen, die einigen dieser frühen Rituale gegebenenfalls den nötigen Feinschliff verleihen können. 😉
5.8 Französischer Memphis-Ritus mit 33 Graden (1862, Frankreich)
Das Zweite Kaiserreich unter Napoleon III. (1852–1870) ist besonders in seinen ersten Jahren ein sehr autoritäres Regime und duldet keine organisierte Opposition. Auch zuvor erhöht sich der Druck bereits deutlich: Sowohl der Ritus von Misraim als auch der Ritus von Memphis werden verdächtigt, ein liberales und republikanisches Gedankengut zu fördern. 1822 wird der Ritus von Misraim verboten. Das Verbot des Ritus von Memphis folgt 1841. Ab dann wird der Ritus von de Nègre eher formell weitergeführt (er ist noch im Besitz der Patente usw.).
Im Schatten dieser Ereignisse sucht de Nègre 1862 eine Fusion des Memphis-Ritus mit dem Grand Orient de France (G.O.d.F.). Denn die Freimaurergroßloge G.O.d.F. wird vom Kaiserreich geduldet und teilweise kontrolliert (Großmeister war ein Marschall Napoleons III.) – er bietet ein Dach, welches das Überleben bzw. eher das Neuaufleben in Frankreich sichert.
Der Ritus wird in Folge dieser Fusion von de Nègre auf die 33 wesentlichen Grade reduziert, wohl auch, um eine bessere Integration in die Strukturen des Grand Orients zu ermöglichen.
Diese Fusion führt schließlich zum Bruch des französischen Memphis-Ritus mit internationalen Ablegern des Ordens.
1881 erfolgt die Vereinigung beider Riten unter der symbolischen Leitung von Br. Giuseppe Garibaldi (Italien). Federführend bei den Reformen wirkt Br. John Yarker (England). Es entsteht der Memphis-Misraim-Ritus. Dieses neue System setzt sich im Laufe der folgenden Jahre in mehr und mehr Ländern durch.
(Foto mit Signatur von Br. Giuseppe Garibaldi, 1875, Sammlung Br. Robert Matthees.)
5.10 Die Legende von Napoleons Initiation in der Cheops-Pyramide (Ausformulierung 1883, Ägypten)
Bereits als Napoleon Bonaparte 1821 stirbt, kursieren Legenden, er sei Freimaurer gewesen. Oft wird berichtet, er sei in Malta initiiert worden. Ebenso heißt es, seine Aufnahme wäre in Kairo oder anderswo erfolgt. Derartige Behauptungen werden vielerorts diskutiert. Historisch belegbare Fakten gibt es nicht.
Jedoch ist die Kreativität in der freimaurerischen Legendenbildung schon immer kaum zu bremsen. So zählt bspw. der aufgeklärte Soldatenkönig Friedrich II. lange Zeit als Mitautor vieler Grade des späteren Schottischen Ritus (diese Behauptung taucht um 1762 auf). Friedrich der Große weiß indes in Preußen nicht einmal etwas von seinem Glück, am anderen Ende der Welt (Jamaika/USA) ein neues Freimaurer-Hochgradsystem mit zu initiieren. Sein Interesse an der Freimaurerei ist zu dieser Zeit ohnehin bereits erloschen (vgl. Jackson, 1980, S. 47-50). In den "Grand Constitutions of 1786" heißt es dagegen (zufällig genau in seinem Todesjahr), er sei bei der Unterzeichnung derselben persönlich anwesend gewesen, die Höchsterhabene Majestät, Friedrich II., König von Preußen, Souveräner Großkommandeur. Heute ist Friedrich II. eher der symbolische Schutzpatron des Schottischen Ritus und taucht vornehmlich nur noch mit einer Referenz im 33. Grad auf.
Sehr ähnlich ergeht es hier jedenfalls Napoleon. Die Legende seiner Aufnahme zum Freimaurer in Ägypten wird 1883 von Br. Solutore Avventore Zola wunderschön ausgeschmückt. Br. Zola ist eine wichtige Figur in der ägyptischen Freimaurerei und bekleidet 10 Jahre lang im Land des Nils das Amt des Großmeisters. Gleichzeitig trägt Br. Zola den Titel des Groß-Hierophanten des Memphis-Ritus. Im Bulletin des "Grande Oriente Nazionale d’Egitto" erklärt er als scheidender Großmeister am 6. April 1883:
Was jedoch noch gesicherter ist, ist, dass im August 1798 Napoléon der Große und Kleber, obwohl sie bereits Freimaurer waren, die Einweihung und Aufnahme in den Ritus von Memphis erhielten. Diese wurde von einem ehrwürdigen Greis vollzogen, der aufgrund seines Alters weise an Lehre und Sitten war und von sich sagte, er sei ein Nachfahre der alten Weisen Ägyptens.
Die Einweihung fand in der Cheops-Pyramide statt; als einziges Zeichen ihrer Einsetzung erhielten sie einen Ring als charakteristisches Merkmal ihrer Würde. Napoléon, Kleber und verschiedene Offiziere seiner Armee gründeten hier die erste Memphitische Loge (1798–99).
Sowohl Napoléon als auch seine Brüder mussten sich davon überzeugen, dass die Freimaurerei (das heißt die Schule der Weisen) in diesem Land – der Wiege der Mysterien und des menschlichen Wissens – nie wirklich erloschen war. Sie drang in die verschiedenen Klassen des ägyptischen Volkes ein, und unter verschiedenen Bezeichnungen und Formeln haben sie stets an ihren alten Mysterien gearbeitet und arbeiten noch heute daran – jenen Mysterien, die auch die unseren sind, also die der modernen Freimaurerei. Napoleon fand einen fruchtbaren Boden vor und ließ auf ihm den Keim der alten Weisheit wieder aufkeimen, bereichert um alle Erkenntnisse der modernen Welt und verjüngt durch alle Bestrebungen einer glänzenden Zukunft. (Zola, S. A.: Bulletin Grande Oriente Nazionale d’Egitto, 6. April 1883, S. 5/6.)
Was für eine wunderbare Legende! Vermutlich ist Br. Zola davon sogar selbst überzeugt. So wird Napoleon – wie vor ihm schon Friedrich II. (für den Schottischen Ritus) oder Johannes der Täufer (für die Johannislogen der Grade 1-3) – zum symbolischen Schutzpatron eines Freimaurerritus, von dessen Existenz er selbst nicht einmal etwas wusste, noch wissen konnte.
Die Wirklichkeit? Zu Napoleons Zeit versperrt ein Steinblock noch den Eingang in die Pyramide: Bonaparte lehnt darum den Eintritt ab, berichtet der Expeditionsteilnehmer Edouard de Villiers du Terrage. Denn um hinein zu gelangen, hätte er auf dem Bauch kriechen müssen (vgl. Journal et souvenirs sur l'expédition d'Égypte : 1798-1801, 1899, S. 77).
Ich liebe freimaurerische Legendenbildung – besonders ihre Dekonstruktion und die Freilegung ihrer Bedeutungsebenenen, um die enthaltenen Sinnangebote zu entschlüsseln. Denn freimaurerische Legenden sind, richtig verstanden, ein wenig wie Platons Mythen. Sie eröffnen uns einen Bezug zu Phänomenen, für die wir mit reiner Logik kein Gefühl und kein Verständnis entwickeln können.
(Br. Robert Matthees, Autor dieses Textes, in der Regalia des 95° vor der Khufu/Cheops-Pyramide in Gizeh, 16.11.2025.)
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viel mehr freimaurerische Systeme als "ägyptisch" zu betrachten sind, als dies vielleicht bewusst ist. Denn "ägyptisch" bezeichnet dabei solche Ritualbestandteile, die in den Traditionen westlicher Esoterik aus einem Verständnis der ägyptischen Mysterien hinzugekommen sind. Hierzu zählt evtl. bereits die strukturelle Handlung im Meistergrad, hierzu zählen wahrscheinlich dunkle Kammern, zu denen es ebenfalls erst nach "Sethos" gekommen ist, hierzu zählt definitiv die Begenung mit den symbolischen Elementen bei der Aufnahme (heute in vielen Systemen gebräuchlich), Hindernisse und Lärm bei den Reisen (üblich im 1° Schottischer Ritus), und hierzu zählt auch die besondere Konnotation des Sternenhimmels, der eine Lichtgebung im symbolischen Reich der Mitternachtssonne ermöglicht, hierzu zählt selbstverständlich das Abspielen von Teilen der Zauberflöte, hermetische Interpretationen des flammenden Sterns und so manches mehr.
Woher stammen diese Bestandteile?
Wie wir gesehen haben, existierten Bezüge zu Ägypten bereits vor Gründung der Premier Grand Lodge in London. Diese ersten, oft rein biblischen Bezüge sind quasi die Urquellen.
In Neapel entstand eine sehr kabbalistische und hermetische Freimaurertradition. Auch diese hat die Symbolik deutlich gespeist.
Eine Kernquelle ist natürlich der Roman "Sethos" und sämtliche Folgeschriften (vgl. Assmann/Ebeling, 2011). Diese inspirierten frühe Systeme wie die Afrikanischen Bauherren in Berlin oder die Forschungslogen in Wien.
Hierbei entstand die Zauberflöte, eine freimaurerische Mysterienoper voll ägyptischer Bezüge.
Die Kreativität wurde durch Reiseberichte und Publikationen um den Napoleonischen Ägyptenfeldzug zusätzlich inspiriert, natürlich auch von heimkehrenden Veteranen, die zuvor in ihren Logen in Ägypten ihre Freimaurerei zelebrierten.
Diese Gedanken wurden spätestens 1801 erstmals konsequent in die ersten drei Grade der Freimaurerei getragen, verbunden mit dem Verständnis Antiker Mysterien der damaligen Zeit. Besonders sind hier die vier Elemente bei der Aufnahme zu nennen. Diese Motive verbreiteten sich rasch. Bald enstatanden auch der Ritus von Misraim und der Ritus von Memphis, deren Vereinigung 1881 erfolgte.
Kurz: Es steckt viel mehr Ägyptisches in einer Vielzahl freimaurerischer Systeme. Die Systemgrenzen wurden jedoch wieder einmal zu scharf gezogen, sodass der Ursprung vieler Ritualbestandteile in Vergessenheit geraten ist.
Ich hoffe, dieser Text konnte die Herkunft vieler dieser Bestandteile beleuchten – im Rahmen einer Erinnerungskultur der Aufklärung mit Liebe zum alten Ägypten, der symbolischen Wiege ursprünglicher Weisheit.
Die Primärquellen, auf denen diese Arbeit im Wesentlichen beruht, sind bereits im Text eindeutig identifiziert. Hier eine Übersicht der verwendeten Sekundärquellen:
Acaster, E. J. T.: The Noah legend and the Graham Manuscript. In: Ars Quatuor Coronatorum, vol. 131, 2018.
Assmann, J.: Ägypten – Eine Sinngeschichte, 1996.
Assmann, J.: Moses der Ägypter – Entzifferung einer Gedächtnisspur, 2000.
Assmann, J., Ebeling, F.: Ägyptische Mysterien – Reisen in die Unterwelt in Aufklärung und Romantik, 2011.
Assmann, J.: Ma'at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, 2020.
Campbell, J.: The Hero with a Thousand Faces, 2008.
Carpenter, A. T.: John Theophilus Desaguliers – A Natural Philosopher, Engineer and Freemason in Newtonian England, 2011.
Clark, P.: British Clubs and Societies 1580-1800 – The Origins of an Associational World, 2000.
Dachez, R., Bauer, A.: Freemasonry – A French View, 2015, S. 11-12.
De Hoyos, A.: Scottish Rite Ritual Monitor & Guide, 2016.
Hoffmann, S.-L.: Der Riss in der Zeit – Kosellecks ungeschriebene Historik, 2023.
Hölscher, L.: Zeitgärten – Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit, 2020.
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Besonders möchte ich hier die Arbeiten meines lieben Freundes und Bruders Jan Snoek (Niederlande / Deutschland / Spanien) hervorheben, als auch die Sammlungen früher Katechismen durch die Brüder Douglas Knoop, Harry Carr, Gwilym Peredur Jones und Douglas Hamer (QC London), neben vielen anderen! Nicht hoch genug zu würdigen ist die wegweisende Arbeit von Br. Mathieu Ravignat (Kanada) zu den Ägyptischen Riten mit unzähligen wunderbaren Transkripten.